Wednesday, February 15, 2006
„I WANNA HUG“
oder
„DIE BALTISCHE FREUNDLICHKEIT“
DIE ERLEBNISSE VON CHRISTIAN, MARTIN UND SEBASTIAN IN POLEN UND DEM BALTIKUM
1. Von Chemnitz nach Kolobrzeg - (23.08.2004 und 24.08.2004)
Eine kurze politische Debatte zwischen Beutelanwalt und Voxxx-Urgestein Jens Farrag (SPD) und einem seiner grünen Rivalen war das Letzte (in beiden semantischen Bedeutungen), das wir von Chemnitz mitbekamen, als wir unsere wunderbare Heimatstadt um 1:15 Uhr Richtung Berlin verließen. Aufgrund der vollen Bepackung wirkte Christians Opel tiefergelegt. Ein defektes Rücklicht stellte sich alsbald glücklicherweise nur als Wackelkontakt heraus. Unsere Fahrt über Stettin verlief ziemlich ereignislos, wenn auch ein musikalischer Höhepunkt den nächsten jagte und am Ende Hochspannung durch ein Drei-Fragezeichen–Hörspiel aufgebaut wurde. Der relativ penetrante Essensgeruch war Thema No. 1, weiterhin wurde wortspielerisch über verflehmte Sprichwörter diskutiert, beispielsweise „Wer einmal flehmt dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht“ oder „Wer zuerst flehmt, mahlt zu erst“. Polen war um 6:00 Uhr wie erwartet schon offen und wir rasteten in einer schönen Gegend, tranken Tee und rauchten Kräuter. Um 9:00 Uhr kamen wir auf dem Zeltplatz in Kolobrzeg (Kolberg) an; gut erschöpft (im Besonderen Christian), leicht fröstelnd und übermüdet. Als wir das Zelt aufbauen wollten, fehlten die Heringe, also mussten wir nach einer kurzen Orientierungsphase erst einmal Neue besorgen. Im einzigen Outdoorschuppen der Stadt verstand allerdings keiner Deutsch oder Englisch und so mussten wir mit Händen und Füßen begreiflich machen, was Heringe sind („To fix the tent into the Earth“). Hat aber gut geklappt. Der gebackene Dorsch, den wir danach verspeisten war grandios und sehr preiswert, ebenso wie das gute polnische Piwo. Nachdem wir unsere ersten, frisch gedruckten, Zloty (nicht Kronen oder Forint) ausgegeben hatten gingen wir an den Strand, an welchem erschreckend viele deutsche Bildzeitungen von erschreckend vielen, erschreckend fetten, sich am Strand rumooolenden Deutschen gelesen wurden. Christian war gleich so fertig, dass er erst mal in einen anderthalb Stunden währenden Tiefschlaf versank. Martin ergab sich der weiblichen Schönheit und Sebastian baute, nach einem sehr kalten Bad in der See (ca. 15-16° C), eine Steinfeste aus kleinen runden, angespülten Steinen. Am Abend waren wir dann alle ziemlich fertig und sind nach einer guten, auf dem Wegwerfgrill hergestellten Mahlzeit, einer kurzen Spliffrunde und ein paar Skat-Kanonen ins Zelt gegangen. Im Großen und Ganzen war es ein wunderbarer Auftakt unseres Trips in Kolobrzeg, welches zu sozial(istisch)en Zeiten eine Touristenhochburg für Besucher aus dem Warschauer-Pakt-Staatenverbund gewesen sein muss. Zu erkennen war das besonders an den zahlreich vorhandenen, teils gewaltigen Betonplattenbauten, welche heute noch als Hotels, Sanatorien oder Sterbeanlagen für alte, fast mittellose, besonders deutsche Rentner mit verabscheuungswürdigen Badeanzügen und –hosen, genutzt werden.
2. Danzig (Gdansk) - (25.08.2004)
Die Fahrt von Kolobrzeg nach Gdynia (liegt ca. 10 km nördlich von Gdansk) durch kleine verschlafene Dörfer und große verschlafene Städte verlief voll nach Plan. Christian passte sich immer besser den Fahrtgewohnheiten unserer europäischen Freunde an. Wir hatten in der Abenddämmerung leichte Schwierigkeiten einen geeigneten Zeltplatz zu finden, doch gelang es uns und wir wurden von einem deutschsprechenden Senioren herzlich eingeladen, für eine beliebige Anzahl an Nächten zu verweilen (nebenbei erwähnt war dieser ältere Herr genau von der Art, wie sich jeder Mittzwanziger wünscht, in fünfzig Jahren zu sein – nett, erfahren, aufgeschlossen, kein bisschen senil). Wir bauten also schnell das Zelt auf, erkundeten die Umgebung (zum Glück weniger Deutsche als in Kolobrzeg) und die sehr sauberen Örtlichkeiten, grillten wieder ein uff und erfreuten uns des guten Wetters der lauen Spätsommernacht. Um drei Uhr nachts wachten wir drei dann ziemlich geschlossen auf, da im strömenden Regen unser, wahrscheinlich schlecht oder gar nicht imprägniertes Zelt vollgelaufen war. Aufgrund der Klammheit seines Schlafsackes verzog sich Sebastian, nach im Halbschlaf oberflächlichen Bemühungen das nasse Zelt auszuwischen, ins Auto. Christian und Martin verbrachten indes tapfer eine sehr nasse Nacht und jeder für sich entschied, dass ein neues Zelt her muss. Den Anfang des nächsten Morgens verbrachten wir einerseits damit die Sachen, die während der Nacht im Zelt lagen zu trocknen und andererseits damit, unser Frühstück vor den aggressiven polnischen Wespen zu beschützen (Wespen-Kill-Kontest). Und dann sagten wir uns „Scheiss drauf, ab nach Danzig“. Gdansk erlebten wir als beeindruckende Stadt. Vom Hanseflair gekennzeichnet, erstrecken sich altehrwürdige (zu dieser Zeit neben „angenehm“ Martins Lieblingswort) Häuserreihen von A nach B (nicht nur der Liebe wegen). Wir sahen sehr viele schöne Frauen in teils attraktiven, teils überraschenden Klamotten (Pink, Rosa und Türkis waren sehr in) und bemerkten ebenso die modischen Absurditäten männlicher Polen, die allerdings zu zahlreich waren, um in diesem Reisebericht auch nur ansatzweise einen beispielhaften Überblick darüber zu geben. Wir wanderten in der Stadt umher, aßen Pizza, tranken Bier und spielten Footbag (66 Kicks without a drop). In einem Park wollten wir genüsslich ein Lech schlürfen, als uns zwei Polizisten freundlich aber bestimmt darauf aufmerksam machten, dass man in der Öffentlichkeit in Polen kein Bier trinken darf („Drink beer only under an umbrella, not in the public.“ ???). Wir überlegten folglich, ob wir uns einen Schirm kaufen sollten; vorerst aber verzogen wir uns mit unseren halb geleerten Ülsen in einen kleinen, dunklen, schäbigen Hinterhof, in dem aber dummerweise zwei andere Bullen standen, wahrscheinlich um etwas zu chillen. Flugs versuchten wir die Kurve zu kratzen, aber zu spät, etwas hämisch lächelnd beendeten sie ihre Chillaction und kamen auf uns zu. Einer der beiden wirkte eigentlich ganz lustig, der andere jedoch fing an wild zu gestikulieren und zeigte irgendetwas Rechteckiges (eventuell einen Ausweis oder einen Zlotyschein). Wir stellten uns dümmer als wir waren und durften aufgrund dieser starken Kommunikationsprobleme von dannen ziehen. Wir schlenderten nun noch ein bisschen durch Gdansk, genossen das zwar nicht beständige, doch sehr angenehme Wetter und entschlossen uns beim Praktiker-Baumarkt ein Zelt für umgerechnet 40 € zu kaufen, welches sich aufgebaut als wahrer Palast darstellte. Wir hatten dann noch ein leckeres Pelmeni-Abendbrot und spielten gerade etwas Karten, als der Regen uns ins Zelt zwang. Die Nacht im neuen Zelt war platzreich und geruhsam, und so waren wir das erste Mal richtig erholt, wie sich das für einen Urlaub gehört, als wir am Morgen Richtung litauische Grenze fuhren.
3. Auf dem Weg in den Norden - (26.08.2004)
Den Tag verbrachten wir zum Großteil auch im Auto. Christian erwies sich nach anfänglich eher zaghaftem Manövrierverhalten mittlerweile als der wahrscheinlich polnischste Fahrer Deutschlands. Geschickte Überholmanöver wechselten sich mit einer guten Mischung aus aggressivem Fahren, intuitiver Peilung des gegnerischen Fahrverhaltens und latent-kulanten Nichtbeharren auf eventuellen Vorfahrtsrechten ab. Das Zwischenstoppvesper nahmen wir in einer wunderbar ruhigen Gegend in den Masuren ein. Dort, auf ein Waldlichtung, die wirkte wie eine Mischung aus österreichischer Alm und tschechischer Heidelbeerwiesenidylle mit sich paarenden Libellen und äußerst aggressiven, durch Genmais zu verhaltensgestörten Biestern veränderten Wespen, aßen wir Brötchen mit Schinken, Tomaten und Mozarella, tranken Kaffee und waren angesichts der friedlichen Ruhe sehr entspannt. Der Autotrip durch die Masuren war von ganz besonderer Schönheit. Im dörflichen Charme ruhte sonnenbeschienen Friedfertigkeit und genauso fühlten wir uns beim Überschreiten der 70.000 km Grenze von Christians Opel und der anlässlich dazu gezündeten Sportzigarette aus Restbeständen. Nachdem wir den ganzen Tag über interessante Dörfer und Städte wie Elblag, Ostrov und Elk (vermutlich wurde dort der Papst geboren) gefahren sind, erreichen wir nun nach insgesamt 1200 km Fahrt Augustow, checkten in der Touristeninformation noch einem coolen Zeltplatz ab, fanden ihn und freuten uns angesichts des jugendlichen Charmes, der dort wirkte. Sehr wunderbar war auch, dass der Campingplatz in unmittelbarer Nähe eines idyllischen und dazu noch warmen Masurensees lag, in dem wir beim fantastischen Sonnenuntergang uns wieder klar badeten. Der bisherige Höhepunkt unserer Reise. Getrübt wurde dieser fast schon perfekte Abend durch Myriaden von Mücken, die sich im Besonderen an Sebastians Beinblut selektierten (Den nächsten Tag zählten wir 11 Stiche am rechten Bein, die Stiche des Linken waren leider unzählbar). Zurück beim Zelt gab es nochmals Pelmeni und wir leerten das Bier (Lech und Tykice), den Zubrowka (ein Vodka mit einem Stengel des Grases, welches sehr gern von Bisons gefressen wird und dem Vodka dadurch ein ganz besonderes Flavour gibt), vernichteten die Herbs und so wurde es der bisher zachste Abend unserer Reise. Good Night.
4. Nun aber fix mal nach Riga – (27.08.04)
Dem vorabendlichen, verrauschten Level zufolge, wurde es dann nichts mit einem Sprung ins kühle Nass zur Sonnenaufgangszeit, aber nichts desto trotz wurde der Plan zwar mit ein, zwei Stunden Verspätung doch noch in die Tat umgesetzt. Phänomenal erquickt brachen wir in Richtung Riga auf. Der Weg führte uns noch durch eine sehr finnisch anmutende, ostseeflair versprühende polnische Kleinstadt namens Suwalki, in der wir unsere letzten Forinten, äh Zlotys in einem kleinen Tante-Emma-Laden gegen Lebensmittel (auch Bier war dabei) tauschten. Grenzübertritt um genauestens 12.15 Uhr nach unserer Uhr, wie sich später (ca. 1,5 Wochen später) herausstellte, 13.15 Uhr nach baltischer Zeitrechnung. Weiter gings via Via Baltica nach Riga. Im Voraus beschlossen wir Vilnius und Kaunas rechts liegen zu lassen und „streetslike“ straight forward auf die lettische Hauptstadt zu zusteuern. Drei Stunden später trafen wir dann auf unserem Weg irgendwie zufällig die lettischen Grenzer, die uns freundlicherweise passieren ließen. Uns erwartete in typischer lettischer Manier auf flachem Grund situierter Wald, abwechselnd dazu auch mal n Feld und dann auch mal zivilisierte Landstriche, genannt Dorf. Dies ist aber bitte nicht mit der einmaligen Wald - Feld - Dorf - Komposition in Litauen zu verwechseln, ja!! Um uns aber nicht völlig dem Gegend – Großstadt – Kontrast – Flash zu ergeben, beschlossen wir uns einen Zeltplatz außerhalb Rigas zu suchen und noch einmal wild nature zu erleben. Wie freuten wir uns, als wir auf eine riesige Karte am Straßenrand trafen, die uns verriet, dass es vorn rechts herum Zeltplätze en masse geben würde. Wir frischten unsere Vorräte auf (auch mit Bier und so) und machten uns auf die Suche nach der nächtlichen Unterkunft (was heißt Suche, wir hatten ja die Qual der Wahl). Wir bogen rechts ab und fuhren eine ganze Weile gerade aus, bevor wir begannen stutzig zu werden. Es gab alles, Wald und Straße, aber kein Zeltplatz war ausgeschildert. Wir fuhren weitere 10 km gerade bis das rettende blaue Schild mit dem Zelt auftauchte. Noch 2 km. Noch 800m. Nichts! Keine Einfahrt, kein Schild nichts. Wir drehten um, das Selbe in grün, erst „noch 2km“, dann „noch 800m“ und wieder nichts. Plötzlich hatte Christian die Schnauze voll, bog rechts ab und wir befanden uns auf einem original Waldweg. Dieser führte uns dann genau zu zwei holzhackenden Bum, die unsere englisch gestellte Frage nach einem Zeltplatz widerwillig mit einem Fingerdeut beantworteten. Der Weg wurde noch schlechter, und als wir drohten stecken zu bleiben, befreite uns der Anblick einer Lichtung mit zahlreichen frisch gebauten Holzhäusern an einem Fluss namens Daugava. Der Gastherr entpuppte sich als ein recht gut englisch sprechender Lette, der uns erklärte, dass er noch ein paar Schwierigkeiten mit dem lettischen Straßenbauamt wegen der Ausschilderung seines Ferienparadieses habe. Alles war nigelnagelneu und selbst der Bernersennenhund sah aus wie neu oder eben gesäubert mit dem aus der Werbung bekannten Waschmittel. Und nicht zu vergessen die kleine, junge, niedliche, freche, niedliche Katze, die sogleich das Innere unseres Autos inspizierte. Wie gesagt, alles neu! Der liebe lettische Neu-EU-Bürger erlaubte uns ein kleines Lagerfeuerchen zu entfachen, dies wurde dann gleich als eigentlich die Mannesprüfung schlechthin angesehen, die neben Kommunion oder Jugendweihe, jeden Jüngling zum Erwachsen macht. Nach einigen Biers (Eines davon wurde durch Martins Verpeiltheit für den Boden unseres Zeltes verschwendet) war für uns relativ zeitig Sense, wir hatten auch nen ziemlichen harten Trip hinter uns und noch so einiges vor uns, nur das wussten wir zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht, Hehee.
5. Nun aber endlich mal in Riga – (28.08.2004)
Den Anfang des nächsten Morgens verbrachten wir damit ungestüm wirkende Schnecken von unserem Zelt zu sammeln, zu duschen und ein etwas ärmliches Frühstück zu uns zu nehmen. Christian fuhr Martin und Sebastian nach Riga, um dann eiligst das Weite zu suchen und seine Uni in Tartu abzuchecken. Der Riga-City-Camping erwies sich als bislang unentspanntester Zeltplatz unserer Reise. Dumm war auch, dass er genau an eine Festivalhalle angrenzte (und dies wahrscheinlich immer noch tut), in der am Abend des 28.08.2004 eine russische Ska-Combo aus St. Petersburg (und eine aus Leningrad – O-Ton von zwei „wissenden“ deutschen Konzertbesuchern) aufspielte. Der Soundcheck zumindest klang derart abschreckend, dass wir einstimmig beschlossen, zum ersten Mal das baltische Nightlife mit unserer Anwesenheit zu bereichern. Riga stellte sich für uns als sehr multikulturelle, schnelle und metropolis-like Großstadt dar, die merklich in Veränderung begriffen ist und deren alter Charme durch eine moderne Szenerie bereichert wird. Die Jugend wirkte sehr hip, sehr modern, die Älteren haben die lettische Wende jedoch bei weitem nicht so gut verkraftet. Bei 15 € Rente (sicherlich nur ein Gerücht, aber viel mehr wird’s nicht sein) kann man das große Leben im vergleichsweise teuren Riga eben nicht so gut auskosten, und so sahen wir viele Obdach- und Arbeitslose, die sich versuchten irgendwoher noch einen müden Lats (oder aber Sluts, wie wir die lettische Währung nannten) zu organisieren. Da gab es beispielsweise Senioren, die für Passanten die Möglichkeit geschaffen hatten, sich für umgerechnet 1 cent in der Fußgängerzone zu wiegen, da gab es Heidelbeeren- und Pilzeverkäufer, mit beispielsweise nur einem Pilz, da gab es Plastebeutelverkäuferinnen und schließlich gab es auch einfach nur Bettler, denen aber unseren Beobachtungen zufolge niemand etwas gab. Sehr traurig so was. Die Stadt an sich ist aber großartig. Die Altstadt, durch die wir stunden- und kilometerlang schlenderten hat einen faszinierenden Reiz. Jugendstilhäuser stehen neben barocken Kirchen und Kathedralen, von denen es Tausende gibt. Szeneläden reihen sich an klassische Gebäude, Parks mit Flüssen und Springbrunnen erstrecken sich zu beiden Seite der Unabhängigkeitssäule, auf deren Treppe man übrigens nicht beim Footbag-Foto seine Jacke ablegen sollte, wenn man keine Stress mit der örtlichen Armee möchte (Jaja so war das). Vor altehrwürdigen Hotels stehen Maibachs, nebenan, vor nicht ganz so altehrwürdigen Hotels vergammeln verrostete Ladas, in den Straßencafés tummeln sich Touristen, etwas entfernt kaufen Rigaer und Rigaerinnen (schlürf und hechel) modische Accessoires, Touristen wiederum kaufen schlechte Bernsteinimitate mit Plasteskorpionen drin, ach man könnte ewig so fortfahren. Überwältigt von der Vielfältigkeit der Stadt und vom Schmerz in Füßen, beschlossen wir zwei, nachdem wir noch das Depo und das Pulse als Abendalternative ausfindig gemacht hatten, zunächst eine kleine Pause auf dem Campingplatz einzulegen, die auch sehr erholsam war. Wir trafen dort noch einen der beiden campenden European-Ethnology-studierenden Karlsruher, erzählten kurz was, tranken unsere Biere und machten uns schließlich auf, Riga des Nachts in einem anderen Licht zu sehen.
6. Nightlife in Riga
Gut gefüllt mit Schnitten und Bier starteten wir gegen zehn abends unseren nächtlichen Trip. Das Depo sollte die erste Station werden und beim Betreten dieser Location fiel uns synchron die Kinnlade auf die Füße. Drei Bildschirme waren in verschiedenen Ecken angebracht und zeigten uns Relikte vergangener Zeiten. Wahrscheinlich sind Propagandavideos von Reden aller Nazigrößen wie Goebbels, Hitler oder Streicher noch sehr beliebt, was uns aber beim näheren Betrachten eher als eine Art provozierende Abtrennung der in Riga ansässigen Darkwave- und EBM-Szene anzusehen ist. Geschockt waren wir allemal, so dass sich eine rege Unterhaltung über bestimmte Nazibonzen und deren Funktion und Abartigkeit im Dritten Reich zwischen uns entwickelte. Eigentlich sollte sich bei etwas günstigeren Voxxx-Bierpreisen eine Art heimisches Gefühl einstellen, aber dieses verdarben uns die teilweise skurril anmutenden, schwarzen Menschen und ebenso die Musik. Wir gaben dem Heimatgefühl eine kurze Gelegenheit, doch noch vorbei zu kommen, als dieses sich nicht blicken lies und unser zweites Bier nur noch aus einer Neige bestand, entschieden wir uns, dem anderen Club einen Besuch abzustatten. Ziemlich zielstrebig machten wir uns auf den Weg, was in unserem Zustand doch recht verwunderlich war, und noch dazu in einer fremden Stadt, Hut ab. Das Pulse war ein ganz neuer Club, in dem an diesem Abend Drum n´Bass von local Dj´s aufgelegt wurde, und wir dachten uns, hier können wir alt werden. Am Einlass begrüßte uns ein glatzköpfiger Riesendude, der an unsere letzten sluts ran wollte und wir im notgedrungen ein paar davon abgeben mussten. Mit zwei Bier bewaffnet stellten wir uns rauchend und cool mit dem Kopf nickend auf den Dancefloor bis uns eine sehr ansehnliche junge Aufpasserin darauf hinwies, das Paffen von Kippen hier doch bitte zu unterlassen. Wir fanden das ziemlich komisch und bestellten uns aus Frust zwei Whisky von denen Martin schlecht wurde. Wäre es nicht so dunkel gewesen, hätte man sein grünes Gesicht sicherlich nicht ignorieren können. So blieb es aber geheim und keiner merkte etwas, bis sich die Lage wieder entspannte. Der Club war bei unserem Eintreffen noch relativ leer und dies änderte sich auch die nächste Stunde nicht. In der Raucherecke fiel uns dann auch der in dezenten Zwanzig – Zentimeter - Leuchtschrift – Lettern geschriebene „Non - Smoking - Area“ - Schriftzug auf, der uns ein leichtes Schmunzeln nicht vermeiden lies. Doch dann passierte etwas Schreckliches, was den Abend zu einem schnellen Ende führen sollte, Sebastian bekam einen so penetranten Schluckauf, der so hartnäckig war, dass weder durch die gut gemeinten Erschreckungsversuche von Martin, noch durch Wegkonzentrierungsversuch auf einer gut besuchte Toilette bei zu kommen war. Selbst eine finnische Granberry - Vodka – Kur hätte da wohl nicht geholfen und somit entschlossen wir uns den Abend mit einem 2 km Abendspaziergang zum Campingplatz ausklingen zu lassen. Sebastian derweil dachte sich wohl, so ein Wegbier im Glas wäre erstens eine gute Sache und zweitens hätte man dann auch noch ein Andenken an die Clubnacht, aber da hatte wohl der extra angestellte Bieglasüberwacher etwas dagegen. Wir versuchten ihm noch schnell beizubringen, dass es doch eigentlich nicht so schlimm ist und als das nichts half forderten wir ihn auf einfach mit zu trinken, aber er schüttelte nur vorwurfsvoll den Kopf und wir mussten es selber trinken. Aber ein Gutes hatte dieser Schreck, der Schluckauf von Sebastian, der war weg! Wir torkelten nach haus, krachten uns in die Kojen und schliefen wie die Murmeltiere bis wir wieder aufwachten.
7. Riga zum vierten – „Summer is almost gone“ (29.08.04)
Durch Hunger gequält, trieb es uns das erste Mal zu einem dieser ultra modernen, hier nicht Supermärkten, sondern Hypermarkets genannten Einkaufsmekkas. Es gestaltete sich dann als ein riesiges Zentrum, indem man alles für sluts bekommen konnte. Da es ja bekanntlich eine gorße Torheit ist, mit leerem Magen einkaufen zu gehen, stopften wir uns vorher noch ein paar finnische Hesburger rein, die aber ehrlich gesagt genauso widerlich schmeckten, wie der Schweinehack von der uns bekannten amerikanischen Clownskette. Egal, voll waren wir, d.h. eher zum bersten gefüllt und langsam stellte sich sogar leichte Übelkeit und Magendrücken ein, egal, wir waren ja satt. Und somit nahm dann auch der Alkohol (wir kauften diesmal auch ein paar Bier und eine Flasche Finlandia – Vodka, der Vodka, den wir den Abend zuvor im Pulse getrunken hatten), anstatt Lebensmittel den meisten Platz im Warenkorb ein. Man muss den Hypermarket wirklich gesondert erwähnen, weil so was in Deutschland nicht existiert. Erstens: Riesig. Zweitens: Übersichtlich. Drittens: Eine gigantische Auswahl an Vodkasorten und anderen Hirnzellentöter und viertens, dass hat unsere Karlsruher Urlaubsbekanntschaft Uli am meisten beeindruckt, eine fast unüberschaubare Fleischtheke, an der es alle Arten und Variationen tierischer Erzeugnisse vom Abgepackten, über Frischfleisch zu Gesottenem und fertig Gebratenem zum Kauf angeboten wurde. Außerdem gab es noch eine Besonderheit, die uns fast zum Verhängnis wurde. An der Kasse gab es da diese Sensoren um Diebesgut sofort per Sirene kund zu tun und obwohl bereits alles eingescannt war piepte es sofort und im selben Augenblick stand auch schon ein Hypermarketsecurietyangestellter quer bei Fuß und diskutierte mit der Kassiererin. Wieder einmal stellten wir uns etwas dümmer und kamen auch diesmal glimpflich davon. Wir sonnten uns nach ne Weile, quatschten über alte DDR – Zeiten und die EU – Osterweiterung und aßen nichts, sondern tranken lieber erstmal noch ein kühles Zelta. Trotz der gut durchzechten Nacht, sah man uns die Alkoholmassen 4 stunden nach dem Aufstehen nicht mehr besonders an und wir machten uns mit diesem guten Gefühl nochmals in die Altstadt von Riga auf. Diesmal stand mehr das Kulturelle auf dem Programm, aber da wir etwas spät unterwegs waren, konnten wir den Besuch im Fine Arts Museum leider abhaken, da mit einer alten Russin, bereits die letzte Putze das Gebäude um 16.00 Uhr verlies und uns sozusagen wieder mit rauskehrte. Trotz alledem befanden wir uns immer noch in Riga und das allein war schon kein Grund die Köpfe hängen zu lassen und wir nutzten die Zeit einen weiteren Bummel durch die historische Stadt zu unternehmen und die Footbagzocken – vor – ehrwürdigen – Gebäuden – Fotoserie zu vergrößern. Dann gab es trotzdem, besonders für Martin, noch einen traurigen Höhepunkt. Bei einem weiteren lettischen Bier wurden wir Zeugen der olympischen Finalniederlage unserer deutschen Handballnationalmannschaft gegen die verabscheuungswürdigen Balkanfratzen aus Kroatien. Doch der Anblick der vielen schönen Lettinnen ließ uns das auch ziemlich schnell wieder vergessen. Langsam begannen unsere Füße an zu schmerzen und somit zogen wir uns auf den Zeltplatz zurück, wo uns auch schon Uli schon freudig begrüßte. Wieder einmal stellte sich unser mitgebrachter Einweggrill und der Butangaskocher als Grundlage kulinarischer Küche heraus, denn sie bescherten uns ein wahrhaft königliches Festmahl bestehend aus frisch gegrilltem Fleisch und angemachten Pfifferlingen, die einem hier an jeder Ecke fast hinterher geschmissen werden, bestand. Die Basis für einen vergnüglichen Schwatz- und Trinkabend mit unseren Freiburger Studenten aus Karlsruhe war gelegt und wir leerten jeder ca. 8 Bier und zusammen mit den Gästen fast die ganze Flasche Vodka (aber so richtig viel haben die Beiden eigentlich nicht abbekommen). Wir erzählten uns gegenseitig olle Kamellen aus unserer Kindheit, Jugend und dem Beginn unseres Erwachsenseins. Die Beiden entschlossen sich dann zu fortgeschrittener Stunde noch für einen Besuch des bereits erwähnten Depo´s, was sich aber am nächsten Tag im Nachhinein als sinnlos erwies. Wir beiden legten uns indes im härtesten Vollrausch schlafen mit wenig Verständnis für den motivierten Marsch der Karlsruher in die Innenstadt von Old Riga.
8. Die Reise nach Tartu - (30.08.04)
Martin erwachte mit unerwartet klarem Verstand gegen 8.00 Uhr am Morgen und freute sich auf das Erwachen seines tapferen nächtlichen Mitstreiters im Kampf gegen Vodka und Bier. Dieser jedoch zeigte aber keine Anzeichen von Leben und somit blieb ihm Zeit das Reisebuch nach zu tragen. Als dieses vollbracht war, regte sich im Zelt jedoch immer noch nichts. Nach zwei Stunden Karenz trieb es Sebastian ans Tageslicht, wobei ihn jede besorgte Mutter, nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, für schwerstens krank erklärt und ihm sofort Kamillentee und kalte Wadenwickel verordnet hätte, um ihn danach sofort ins Bett zurück zuschicken. Aber dies legte sich auch wieder, spätestens nach dem Packen der Kraxe und der Aussicht auf einen schönen Marsch in Richtung Bahnhof von Riga. Wir watschelten, anders kann man unseren Gang mit einem Gepäck von jeweils gut zwanzig Kilo nicht bezeichnen, zum Bahnhof, wobei lediglich Sebastian fast von einer heranschnellenden Tram in den Tod gerissen wurde. Ansonsten blieb dieser Weg relativ ereignislos. Wir gaben das Gepäck bei einem luggage left ab und machten uns ein letztes Mal in die Innenstadt auf. Da uns die restlichen slutmünzen langsam zu schwer wurden und uns der Hunger und auch schon wieder das Verlangen nach einem erfrischend, herzhaft mundenden, schaumig schönen, nach lettischem Reinheitsgebot gebrauten Hopfenspezialtität drückte, entschlossenen wir zwei, kurzer hand, hübsch essen zu gehen. Aufgetafelt wurde uns, nach Vorspeise, bestehend aus leckerst marinierten Chickenwings, ein vorzüglichstes Chilli mit Nachos und ein prächtiges Stück Lachs mit einer Senfkruste und frittierten Kartoffeln, lecker!! Bis zum Rand voll gestopft wollten wir uns eigentlich nur noch der Länge nach irgendwo hinlegen und dabei kam uns die Idee, doch endlich ein Restaurant zu eröffnen, indem man, nach einem königlichen Mahl, einfach zur Seite kippen und für zwei, drei Stunden alles in Ruhe setzen lassen kann. Der anschließende Spazierbummel durch die Stadt erwies sich als wahre Erholung und wir verabschiedeten uns gedanklich von Riga.
Das erste Mal mit einem „echten osteuropäischen“ Verkehrsmittel hatten wir uns eigentlich auch etwas exotischer vorgestellt, stattdessen wurden wir in einem Drei-Sterne-Bus chauffiert. Dann trafen wir den Markus, einen studierten Systemtechniker. Er erzählte uns in einer unbeschreiblichen Euphorie von seinen vorher gehenden Erlebnissen und war auch ansonsten sehr redselig. Irgendwie hatte er etwas von einem Kind im Körper eines extrem großen Erwachsenen. Seine beeindruckende Größe und seine leicht stotternde Aussprache stellten eine etwas ungewöhnlich Kombination dar, die aber wirklich alles andere als befremdlich und unsympathisch wirkte. Sebastian beschrieb ihn wie folgt: ein Typ mit imposanter Statur, humorigen Scharfsinn und einer freundlichen Offenheit. Ich glaube, besser kann man ihn nicht betiteln, ein sehr angenehmer Zeitgenosse.
Gegen 23.15 Uhr kamen wir nun in Tartu an, wo uns Christian und Jörg begrüßten. Mit der Kraxe bepackt, schleppten wir durch die Innenstadt und auf dem Markt kam uns dann auch schon die dritte Deutsche, Susan, freudig entgegengestürmt. Im Oskar Wilde Café (nicht zu verwechseln mit seinem englischen Pendant) trafen wir das erste Mal auf einheimisches estisches Bier, genannt A. le Coq oder das andere widerliche Pilsener namens Saku. Es gibt viele, kaum genießbare Biersorten in Deutschland, man erinnere sich nur an Warsteiner (und sowieso alle bayrischen Bierspezialitäten) oder auch das Punkgebräu Sternburger, aber diese verdünnten estischen Varianten sind wirklich inakzeptabel und für verwöhnte Kehlen absolut nicht zu empfehlen. Der Laden machte zu und wir besichtigten das Wohnheim. An dieser Stelle müssen auch unbedingt ein paar gesonderte Worte, über dieses so genannte Wohnheim verloren werden. Zwar fanden wir ein neues, im modernen Stil errichtetes Gebäude vor, die Eingewöhnung muss jedem neuen Studenten sehr schwer fallen. Es ist uns nicht bekannt, dass es auch nur einem Menschen (außer vielleicht farbenblinde) einfallen würde, seine Wohnung komplett in mausgrau zu streichen (das hier die kleine süße Maus als Vergleichsobjekt herhalten muss, ist sehr Schade, aber ein anderes Tier, um die Abscheulichkeit dieser Farbe darzustellen, ist uns leider nicht bekannt). Und der absolute Höhepunkt ist das verglaste Raucherzimmer auf dem Gang, indem man die Gedanken und Gefühle einer Prostituierten beim ersten Arbeitstag im Präsentierfenster eines Bordells kurz nach der erzgebirgisch/ tschechischen Grenze gut nachvollziehen kann. Nichts desto trotz freundeten wir uns schnell mit den anderen deutschen Mitbewohnern (Florian – ein sehr redseliger, von sich seltsam überzeugter Politikstudent und Jan - der, im ersten Augenblick zurückhaltend wirkende, dennoch es faustdick hinter den Ohren habende Zimmergenosse von Christian) der 4er WohniHeimi-WG an, die auf uns im ersten Augenblick einen recht sympathischen Eindruck machten und leerten den restlichen Finlandia-Cranberry-Vodka und den Black Riga Balsam, eine lettische Kräuterspezialität. Todmüde schliefen wir, aufgeteilt auf die Zimmer Christians Mitbewohner, ein, bis wir erneut erwachten.
9. Tartu - (31.08.2004)
Wir gingen nach einer doch sehr erholsamen Nacht (endlich mal wieder in richtigen Betten) auf den Marktplatz und erkundeten zu zweit (Christian hatte schon eine Vorlesung) ein wenig die Studentenstadt. Die Altstadt von Tartu mit Rathaus und Universität und dem sich dahinter erstreckenden Stadtpark wirkt eher kleinstädtisch, doch der hohe Anteil von Jugendlichen (zumeist Studenten) an der Bevölkerung verleiht der Stadt dennoch das Gefühl aufregend zu sein – ist ja immerhin auch die zweitgrößte estische Stadt nach Tallinn. Tartu stellt sich als sehr entspannt dar, mit ausnahmslos freundlichen StudentInnen, selten arbeitenden (zumeist russischen) Arbeitern, aufräumenden Obdachlosen und vom klassischen Stil geprägter Architektur. Besonders auffällig waren die oft schiefen Häusern – so das im Baltikum sehr bekannte „schiefe Haus von Tartu“, welches sich am Marktplatz befindet und dem schiefen Turm von Pisa in nichts nachsteht – verursacht durch den morastigen Untergrund, der viele Fundamente nachträglich noch wegsacken lässt. Nach dieser kurzen Erkundung trafen wir uns wieder mit Markus und gingen, wie paralysiert leckeren Gerüchen folgend, in ein chinesisches Restaurant mit strahlender, hübscher Bedienung und sehr gutem Essen. Nach wiederkehrenden Kommunikationsproblemen hatten wir dann alle, was wir wollten und waren gut voll. Nachdem Christian wieder zu uns gestoßen war, erfuhren wir von einer Russenparty, die am Abend im fantastischen Russenclub Atlantis stattfinden sollte, und wir wollten uns ein bisschen warmtrinken. Da wie oben schon kurz angedeutet weder die dünnen Biere Saku und A. le Coq (beide 4,2%), noch die starken Biere wie El Presidenti (10%) trinkbar waren, probierten wir Eines aus der goldenen Mitte (Sorts 8%), welches auch sehr gut runterging. Wir setzten uns in den Park und g(en)ossen mehrere dieser Hopfentees (runter). Dort lernten wir auch einen Straßenmusiker kennen, der ein bisschen was über sich selbst erzählte und darüber, wie sehr er Tallinn zum Kotzen findet. Dieser, im Winter im Wald lebende, herumreisende Klarinettenspieler mit dem niedlichen 6 Wochen alten Hund „Schopenhauer“ prägte auch unseren Runninggag No. 1 und gleichzeitig den Titel unseres Reisetagebuch, da er sich mit einem fast gerülpsten „I wanna hug“ uns in die Arme fallend verabschiedete. Ein netter Mensch, der hier stellvertretend für die estische Freundlichkeit nicht unerwähnt bleiben darf. Da im halbzachen Zustand schöne Frauen bekanntlich noch schöner wirken und superschöne Frauen fast göttlich (andere Frauen haben wir in Tartu eher selten gesehen), gingen mit uns auch etwas die Gefühle durch und wir schlenderten als es dunkler wurde, ordentlich angespitzt ins Wohnheim zurück. Dort tranken wir dann doch das 10%-ige Bier, klarer wurden wir, wie eigentlich erhofft, dadurch allerdings nicht. Wir rauchten noch ein paar Zigaretten am Kiez-Fenster und gingen danach bei strömendem Regen ins Atlantis. Jörg war auch mit am Start. Wir waren so ziemlich die ersten Gäste und tranken mit Kotze-Wasser versetztes A. le Coq im Holiday-like Russenbitch-Club. Später am Abend stellte sich der Club dann von seiner interessanten Seite dar, Martin zählte aus den Augenwinkeln 20 Frauen und 3 Männer (zumeist hässlich aussehende, beschissen tanzende Russen) auf der Tanzfläche. Wir waren dann auch so harte, dass wir eifrig mittanzten, noch viel eifriger weitertanzten und soffen wie die Löcher. Jörg wollte sich wahrscheinlich mit den Russen gut stellen und brachte einen abartigen, irgendwie indianerähnlichen Tanzstil auf den Floor, das einem Angst und Bange wurde. Kopf rechts, rechtsherum, Schalala, Hüfte links, linksherum, Schalalalala, umtanzte er so die völlig verängstigten Christian, Martin und Sebastian. Naja, irgendwann wollten sich dann noch ein paar Hühner mit uns ein Späßchen erlauben und forderten uns auf, Ihnen 3 Vodka zu bestellten („If you bring us three Vodka we will see“). Als wir mit dem Kartoffelschnaps ankamen, lehnten sie erst ab, wollten dann aber noch zusätzlich Juice. Wir dachten, nee so geht das aber nicht und tranken den Vodka eben selbst. Es wurde noch heftig weitergetanzt Martin und Christian wurden auch noch von einem Russen belästigt, aber wir schafften es um 3:00 Uhr als die Lichter angingen noch irgendwie ins Wohnheim und verbrachten eine viel zu kurze Nacht, weil wir den nächsten Tag ja nach Tallinn und Helsinki wollten ...
10. Tallinn - (01.09.2004)
... und genauso sahen wir früh auch aus: Rotgeäderte Augen, verquollene Gesichter, wüste Frisuren und so fort. Aber wir waren gespannt auf Tallinn. Nach einem klitzekleinen Frühstück (Krabbensticks) fuhren wir bei regnerischem Wetter mit dem Bus nach Tallinn. Während der Fahrt gab es einen Harry-Potter-Film. Fantastisch. Als wir in Tallinn ausstiegen zeigte sich das baltische Wetter einmal mehr von seiner angenehmen Seite. Innerhalb weniger Minuten zog der Himmel auf und schönster Sonnenschein konnte sich durchsetzen. Das Hostell war auch gleich um die Ecke und so konnten wir uns ohne Gepäck entspannt in die Stadt aufmachen (wäre da bloß das Loch im Bauch nicht gewesen). Nach einem Sturzbier under an umbrella, unter dem uns eine übelriechende Obdachlose mit traurig deformiertem Gesicht Blumen verkaufen wollte, gingen wir ins erstbeste Restaurant (Svejk) und aßen Kotelett und Fisch (beides nicht so toll). Nach nur kurzer Zeit stellten sich bei uns beiden Magenschmerzen und Übelkeit ein, entsprechend verschlechterte sich auch unsere, bisher sehr gute, Laune. Aber wir hatten ja noch gar nichts von Tallinn gesehen. Jedoch waren wir durch die hohe Erwartungshaltung von Danzig, Riga und Tartu enttäuscht, als wir bemerkten, dass die komplette Altstadt einerseits nur von Touristen bevölkert wurde, andererseits wie ausgestorben wirkte. Die an sich sehr schönen Gebäude waren komplett leergezogen, nur in der untersten Etage reihten sich Souvenirläden aneinander. Irgendwie hatten wir das Gefühl, wir wären in einem überdimensionierten Puppenstubenmuseum. Durch unsere Bauchschmerzen waren wir von der Hauptstadt der Esten noch mehr angepisst, und so gingen wir träge zum Hafenviertel, um eine Fähre nach Helsinki ausfindig zu machen. Aber auch das Hafenviertel, Christoph´s und Uli´s Lieblingswort „fertig“ passt perfekt, wirkte so heruntergekommen, dass wir den Plan, die finnische Hauptstadt anzuschauen, aufgaben (Noch dazu wäre es für 35 Euro hin und zurück nichts sehr erschwinglich gewesen). Selbst der nächtliche Blick über die Altstadt vom Aussichtsplateau erhellte unsere Gemüter nicht wesentlich. Auf dem Heimweg ins Hostell waren wir dann noch das erste Mal an dem Tag spontan und wir landeten in einer Karaokebar. Beide Geschlechter schmetterten Arien aus Leibeskräften, die entweder aus estischen Volksliedern bestanden oder es handelte sich um Hits der 80iger, neu ver“textet“ in estischer Sprache. Alles wäre nicht ganz so schlimm und erträglich gewesen, hätte es unter dem fast komplett aus estischer Jugend bestehenden Publikum wenigsten einen gegeben, der einen Song ohne Melodieverzerrung und falschen Tönen dar gebieten hätte können. Somit mutete das Schauspiel eher grotesk an und unseren Schuhen bzw. Socken hat dies auch nicht so richtig gefallen. Das Bier, was an diesem Tag eher einem Zwangbier gleich kam (s´ist ja Urlaub!!) zog sich noch etwas in die Länge, jedoch als die trällernden Vorträge unerträglicher wurden, leerte sich der Rest plötzlich geschwind wie von Geisterhand und wir zogen endlich von dannen. Auf unserem Heimweg mutmaßten wir schon über unseren nächtlichen Mitbewohner, der wie wir bereits vorher schon anhand seiner Zeitung erkennen konnten, ein Russe zu seien schien. Der Mann stellte sich als Viktor vor und war ein schätzungsweise 55 bis 65 jähriger recht mittelloser Bernsteinbearbeitungskünstler. Wir quatschten eine ganze Weile mit ihm über die Auswirkungen des Zusammenbruchs der Sowjetunion und dem wiedererstrahlenden Glanz alter Metropolen wie Riga und Vilnius. Eins störte uns aber trotzdem mächtig gewaltig, sein rechter Hoden hing faul aus seiner Unterhose und grinste uns hämisch an und Viktor kam nicht auf die Idee, den Kunden wieder in die Shorts zurückzustopfen. Er brachte uns nur einmal fast zur Verzweiflung, als er am Morgen darauf seine Knisterbeutel zusammenpackte und geräuschvoll das Zimmer verließ.
11. Zurück in Tartu - (02.09.04)
Für umgerechnet 5,50 Euro fuhren wir wieder mit EuroLines in die Universitätsstadt Tartu und unser obligatorisches Loch im Bauch treib uns noch einmal in das nette chinesische Restaurant mit der freundlich liebenswerten Bedienung, die uns gleich wieder erkannte und uns direkt in die Raucherecke der Lokalität verfrachtete. Das Essen war wiedererwartend lecker, mit Lychee-chicken und spicy-pork traf der chinesische Koch aus Estland gut unseren Geschmack. Als wir uns dann später mit Christian trafen, berichtete er uns von einer international students party im angeblich höchsten Pub der Welt, welche wir unmöglich verpassen sollten. Auch in Christians deutscher WG war die Stimmung relativ heiter angesichts des anstehenden großen Besäufnisses am Abend. Wir heizten also wieder ordentlich an und versuchten anschließend gut angezacht unser selbst auferlegtes Quest von 66 kicks beim Footbag zu toppen, aber dies misslang gründlichst und wir konzentrierten uns lieber wieder auf die beginnende Party.
12. In Da Pub
Wir enterten also nun das Kränzchen und sahen uns mit einer wirklich gut organisierten Studentenfeier konfrontiert, bei der es nach Abgabe eines Obolusses an jeden ein Namensschild und eine Freimaß ausgeteilt wurde. Es war wirklich sehr interessant zu sehen, (später dann, aufgrund des schnell wachsenden Alkoholgehaltes im Körper, wahrscheinlich eher nur noch wahrnehmen) wie schnell man mit studentischen Vertretern anderer Kulturkreise in ein Gespräch verwickelt wird. Na klar beschränkte es sich oft nur auf die Floskeln: „Hey where are you from?...and…What are you doing here?“, aber wiederum gab es mehrere Leute mit denen man schnell einen gemeinsamen Nenner gefunden hatte und ein tieferes Gespräch entstand. Alle waren sie da, Jan, Florian und Jörg, der sich übrigens besonders gut mit diesen nazistischen Bruderschaftsfuzzis zu verstehen schien. Einer der beiden hieß Stefan und war ein oberflächlich babbelndes Arschloch mit Chamäleoncharme, einer ekelhaften Hitlerfrisur und einem, nach seiner Aussage nur geborgtem, Landserpullover. Sein Freund Norman(n) schien dagegen von der Art des devoten Hinterherschleichers zu sein. Es ist ja bekanntermaßen so, dass das Fechten in Bruderschaften eine Art Kampf der Ehre ist und der so genannte Schmiss Anerkennung und Achtung bedeutet. Aber die eine Seite des Gesichtes unseres nordischen Kriegers war übersäht von Schnittwunden, die den Eindruck erweckten, dass er beim Duellieren eher ne Niete ist und ständig eins aufs Dach bekommt. Beide Artgenossen machten keinen Hehl daraus, dass besonders Estland eine deutsche Vergangenheit hat (nicht erst seit der Zeit des Führers) und bezeichneten beständig alle estischen Städte mit ihren altdeutschen Gründungsnamen. Somit wurde aus einer Reise von Tartu über Tallinn nach Pärnu, geschwind eine Reise durch deutsche Geschichte von Dorpat über Reval nach Pernau. Zum Glück mussten wir uns nicht ständig mit diesen Widerlingen abgeben, obwohl besagter Stefan einen Narren an Sebastian gefressen zu haben schien und in kontinuierlich mit Belanglosigkeiten zuschwallte. Als nächstes muss unbedingt unser ganz persönlicher Freund Mike aus America zum Zuge kommen. Durch unseren interkulturellen Background wurden wir oft mit Stereotypen gegenüber amerikanischen Bürgern konfrontiert, aber da wir ja wissen, dass dies nur Generalisierungen sind und definitiv nicht für alle gelten, kann man behaupten, wir versuchen jeder Kontaktsituation so unvoreingenommen wie möglich zu begegnen. Aber bei Mike war das unmöglich. Der Mann verkörperte Stereotype. Er war laut, oberflächlich, penetrant, eingebildet, ein absolutes Labermaul und keiner mochte ihn, bis auf eine estische Mitorganisatorin, die er dann auch abschleppte. Groß, wirklich ganz groß!! Es gab natürlich nicht nur diese Art von Typen, aber das Negative zuerst, dann haben wir´s weg. Zum Beispiel machten wir Bekanntschaft mit zwei Finnen, unterschiedlichster Art. Tukka war eher der großgewagsene charmante Typ, der das Gespräch mit mir sofort unterbrach, sobald seine Freundin auch nur die geringste Anstalt machte, etwas sagen zu wollen, sehr niedlich. Und dann der Olli, ein endsbesoffener Finne, der, seinen Angaben zu Folge, 10 Jahre deutsch gelernt hatte, aber kein Wort sprechen konnte. Wir versuchtens daraufhin mit Englisch mit eben den gleichen Erfolg und als er dann nicht mal auf Finnisch sagen konnte, wie er hieß und woher er kommt war klar, dass mit nur noch freundliches Zuprosten möglich war. Alice, eine weitere Organisatorin, sehr hübsch anzusehen, aber leider ebenso heillos betrunken schnappte sich mit folgendem Spruch den Landserpulliträger. Wir standen zu fünft in einer Runde und sie sagte zusammenfassend und in unsere Richtung zeigend: „I like youyou and I like youyou, but I want you!“ und zog unseren nordischen Übermenschen unter großem aufgesetzten Protest auf die Tanzfläche. Dann gab es da noch den Richard, einen typischen Briten, der ebenfalls wie wir auf „The Streets“ abgeht und sich ziemlich besoff. Eine nette Amerikanerin namens Hazel, die eigentlich den ihr von uns verliehenen Spitznamen „Hazelnutslut“ nicht verdient hat (nebenbei fand sie es auch nicht lustig, als Sebastian ihr erzählte, dass er seine Band so nennen will), Paolo, ein sehr smoother Portugiese, der die Welt nicht mehr verstanden, als er mitbekam, dass es in Estland kein Weed zu kaufen gibt und Holger, ein Deutscher, der seine erste Erfahrung mit den hier lebenden Russen eine ganze Weile als gut sichtbares Veilchen mit sich herum tragen musste. Nach einem Besuch im Club „Tallinn“ traf dieser auf vier Gestalten, die, ihm zu folge, einen Walk-by-Punch verpassten. Diese Personen sollen jetzt einfach mal nur als Repräsentanten viel all die Norweger, Finnen, Italiener, Amis, Deutsche und natürlich EstenInnen genannt werden. Jedoch den besten Move behielt sich Christian für den Abend vor. Um ein wenig Geld zu sparen, dachte er sich wohl, er könne doch von den Bierneigen genauso besoffen werden und trank, ohne darüber nachzudenken alles was sich so in seinen Weg stellte. Sicher ist das eine Kosten sparende Variante, aber geschmackvoll ganz sicher nicht. Sebastian und Martin machten sich derweil auf den Weg in Hostel B&B in der Herne mnt. auf und verbrachten da eine sehr erholsame Nacht. Der Inhaber der accomodation war ein Este, der obwohl studierter russischer Philologe, etwas gegen Russen hat, die hier in ihrem Land wohnen. Dies mutet, angesichts der russischen Vergangenheit Estlands, schon etwas ungewöhnlich an, aber dies sollte auch nicht der letzte Beitrag zum Thema Russenfeindlichkeit auf unserer Reise sein. Betrachtet man die bewegte Geschichte der Esten etwas näher, so bekommt man schnell den Eindruck, dass die Vergangenheit viel mit Unterdrückung und sogar Freiheitsberaubung und Völkermord in Verbindung steht. Estland ist seit der Unabhängigkeitserklärung am 20. August 1991 das erste Mal in seiner Geschichte wirklich frei von Besatzern.
13. Wieder vereint… oder: Von Dorpat nach Pernau – (03.09.04)
Pärnu liegt im westlichen Teil an der Bucht von Riga und ist nach Tallinn (500.000 EW) und Tartu (100.000 EW) die drittgrößte Stadt Estlands mit 45.000 Einwohnern. Als wir auf die Karte schauten, um den günstigsten Weg ausfindig zu machen, staunten wir nicht schlecht, als wir keine direkte Verbindung zwischen den beiden Städten (die sind wirklich fast auf einer Höhe!!), nicht einmal in Form eines kleinen Feldweges, finden konnten. Somit waren wir gezwungen, erst ein ganzes Stück in den Süden in Richtung Lettland zu fahren, den See zu umfahren, und dann nordwestlich auf Pärnu zu zusteuern. Die Fahrt dauerte natürlich etwas länger, aber die Zeit vertrieben wir uns mit ein bis zwei Fahrtbier, genügend Zigaretten (Christian natürlich nur Kippen, aber er meinte selbst, dass sein Alkoholspiegel vom Vorabend „In Da Pub“ eh noch über dem zulässigen Limit liegen dürfe und somit war auch er zufrieden) und einem lustigen Spiel. Christian zählte die Autos und Martin zählte die Bäume, wobei Christian während der Fahrt nicht ganz die Finger beider Hände benötigte, jedoch Martin seine Aufgabe bereits nach 1 Minute wieder aufgab. Als plötzlich auch noch ein Hund in dieser Einöde über die Straße lief und stehen blieb, brachte dies unsere eh schon heitere Stimmung zum überschäumen und wir krümmten uns vor lachen. So was kann nur da passieren, wo´s soviel „Gegend“ mit sonst nix gibt, wie hier!! In Pärnu checkten wir fix den Zeltplatz aus auf dem sich ausnahmslos finnische Caravans befanden, und mit unserem Vorwissen konnten wir bereits voraussagen, warum die hier waren, um sich ordentlich billig zu betrinken (und das ist kein Vorurteil, wie uns dann später bewiesen wurde!). Der place du camping war an einem chilligen Fluss gelegen. Die Idylle wurde nur etwas beeinträchtigt, durch das am anderen Ufer gelegene Torfstechwerk, welches 24h am Tag (und in der Nacht) diffusen Lärm verursachte. Martin´s 25. Geburtstag stand nun vor der Tür und das hieß, dass auf jeden Fall wieder getrunken werden musste. Nachdem wir alles aufgebaut, und gegenseitig ein bisschen runtergemacht und danach uns wieder vertragen hatten, fuhren wir in die Innenstadt, um uns in einem Tante-Emma-Laden mit Lebensmittel, Vodka (ja genau) und auch Bier einzudecken. Da der Hunger wieder einmal Lochfraß in unseren Mägen verursachte, steuerten wir auf das erstbeste Lokal zu, eine Pizzeria mit äußerst leckeren Pizzasorten, dem ekligsten Bier der Welt und einer sehr traurig wirkenden (aber trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, sehr hübschen) Bedienung. Der Abend verlief sehr entspannt, wir tranken Vodka und Bier und hatten dabei eine sehr angeregte und mit Anekdoten und Komplimenten gespickte Diskussion, über unsere Vergangenheit und die noch unbekannte Zukunft. Am Ende waren wir dann (natürlich) alle so betrunken, dass uns nichts mehr übrig blieb als uns ins Bett zu schleppen. Eine von trüben Träumen, an die sich zum Glück niemand mehr erinnern konnte, geprägte Nacht.
13. Imperator - (04.09.04)
Der Morgen zeichnete sich besonders durch unsere psychische und physische Langsamkeit aus (wie sollte es auch anders sein nach massenhaft Bier und Vodka am Abend). Das reingezwungene Frühstück (Krabbensticks mal wieder) war ein nicht so toller Start in den Tag, aber wir waren ja mittlerweile einiges gewohnt. Der Plan an den Strand zu gehen und zu baden rückte angesichts des schlechten Wetters erst mal in weite Ferne. Wir gingen dennoch hin und überboten unsere 66 Footbag-Kicks bei weitem: 91 ohne einen einzigen (nicht mal einen ganz kleinen) Drop. Danach trafen wir dort „Walk-by-Punch“ Holger und Markus mit ihren norwegischen Droogs Roger und Thorkjel (oder so ähnlich). Thorkjel und Markus gingen sogar bei schlechtem Wetter baden, jedoch konnten sie nicht mal ganz ihre Knöchel befeuchten, so lang und flach war die Sandbank. Die Vier erzählten daraufhin, dass sie am Vorabend im Mirage waren, und dort, obwohl es natürlich auch ein bisschen Russenterror gab, jeder von mindestens zwanzig Frauen angemacht worden sind. Der arme Holger wurde sogar gezwungen sich die Intimpiercinggeschichte einer hübschen jungen Lady anzuhören. Auch Arschfetischist Markus kam voll auf seine Kosten. Super, dachten wir und hatten einen Abendplan. Erst mal gingen wir jedoch mit unseren 4 Freunden ein bisschen was trinken (hatten wir ja den ganzen Vormittag noch nicht gemacht) und zwar das wunderbare Imperator-Pils. Nachdem wir jeder drei getrunken hatten zeigte das estische Fernsehen noch das fantastische Fußballspiel Estland-Luxemburg, welches besonders durch seine gut organisierten Flankenangriffe und seines hervorragenden Abwehrverhaltens Spaß machte. Nun gut. Wir torkjelten (!!) ordentlich betrunken (ja ja das gute 8%-ige) „nach Hause“, kochten Pelmeni, die in Estland Pelmeenid heißen, und tranken ein paar Einstimmungsbiere, weil wir ja noch ins Mirage wollten. Danach kackten Christian und Sebastian aber derartig ab, dass Martin seine ganzen Überredungskünste spielen lassen musste um den zweien ihre Müdigkeit (Christian) beziehungsweise Antriebslosigkeit (Sebastian) gehörig auszutreiben. Wir dachten uns, Scheiße es war doch Martins Geburtstag, na Okay. Zum halbwegs nüchtern werden entschlossen wir uns Kaffe und Milch zu trinken und Skat zu spielen. Martin zockte dabei Christian und Sebastian aber derartig ab, dass die danach weinend ins Bett gingen und schliefen.
14. Es war doch Martins Geburtstag – Mirage (05.09.04)
Natürlich nicht. Es war ja Martins Geburtstag. Um 23:50 Uhr kamen wir im Mirage an. So richtig wohl war uns nicht, als irgendein Typ mit blutrot unterlaufenen Augen auf russisch den Securityschrank anpöbelte, der versuchte ihn am Eingang zu stoppen und hinauszubefördern. Derweil wurde Martin von einem niedlichen Mädchen angesprochen und gab ihr ausführlich Auskunft darüber, dass es für Deutsche Studenten kein Problem darstellt 50 Kronen (3,30€) Eintritt für eine Party zu bezahlen. Bezüglich der besoffenen Russen war Auge zu und durch mal wieder die beste Entscheidung und so gelangten wir um Mitternacht im Barbereich des Clubs an. Konnte man das Atlantis noch am ehesten mit dem Chemnitzer Holiday-Inn vergleichen, so muss diesmal der Stadtkeller als Pendant herhalten. Vergleichsweise Rap. Martin war verschwunden und Christian und Sebastian erkundeten mit einem Cuba Libre in der Kralle den Club. Ganz schön schlechte Musik und tussige Frauen hörten und sahen wir da, auch die 2 Deutschen mit ihren 2 Norwegern waren anwesend, allerdings weder von Frauen belagert, noch anderweitig Bekanntschaften vorweisen könnend. Wir gingen ein bisschen auf die Animationen ab (Fallschirmspringer und Wellenreiter) und stellten dann einstimmig fest: Es muss der zweite Cuba Libre her. Martin stieß später wieder zu uns und erzählte, dass er zu dem Mädchen ging, weil diese stark gestikulierte und auf ihr Handgelenk zeigte, welches ein Wacken-Eintrittsbändchen zierte. Sie unterhielten sich ein bisschen über dies und das (Studium und so) und Martin erfuhr dabei, dass sie Jev heißt und aus Tallin kommt. In dem Club war sie, weil sie mit ihrer Freundin übriggebliebenes Geld ausgeben wollte. Wir gingen in den Chillout und standen ein wenig herum, beobachteten dabei, wie eine völlig besoffene Mittvierzigerin versuchte, den Queue zur Billardkugel zu führen, ohne den Rasen zu zerschlatzen. Zu unserer Freude beließ sie es nicht bei einem Versuch und so verging wenigstens die Zeit schneller, denn eigentlich wollten wir (zumindest Christian und Sebastian) nicht mehr so lange im Mirage verweilen. Martin war schon wieder verschwunden und wir beiden ergaben uns dem Schicksal, tranken weiter Longdrinks, tanzten ein bisschen hin und her, gestikulierten mit den 4 Freunden, betrachteten die Frauen, tranken Longdrinks, tanzten, rauchten und schauten auch ab und zu nach Martin, dass der nichts Dummes macht (hat ja in Chemnitz die Antje). Wir sahen ihn dann auch an der Bar, worauf er gleich von Jev zum Tanzen mitgenommen wurde: so schlecht hatten wir beide Martin noch nie tanzen sehen. Die beiden setzten sich dann auf eine Couch, Christian und Sebastian blickten sich fragend an und bestellten den nächsten Drink. Um es kurz zu machen: die Party wurde nicht besser, Sebastian und Christian (obwohl sie sehr viel tranken) wurden nicht fröhlicher, Martin wurde „eingespannter“ (heftig küssend und in die braunen Augen schauend) und als um 2 Uhr die Lichter angingen und wir drei zum Zelt wollten, wollten nur zwei zum Zelt. Auch okay, es war ja (fast noch) Martins Geburtstag. Wir machten uns also zu zweit auf dem Weg ins Zelt, doch der Rückweg stellte sich als sehr viel länger heraus, als der Hinweg. Christian litt unter völliger Orientierungslosigkeit, wollte aber dem Sebastian nicht folgen, welcher sich nur ein klein bisschen sicherer war, dass es entgegengesetzt zu Christians Vorschlag zum Zelt ging. Gut eine Stunde länger als normalerweise brauchten wir, bis wir im Morgengrauen völlig erschöpft unsere Schlafsäcke von innen betrachteten und einschliefen, als wären wir erschlagen worden. Ein anstrengender Tag.
15. Es war nun nicht mehr Martins Geburtstag – (05.09.04)
Martin hatte die Nacht wachend mit Jev in Christians Auto verbracht, was wir zwei sehr rücksichtsvoll fanden. Da Christian und Sebastian nicht fähig waren, etwas anderes als den allmorgendlichen Bullshit zu erzählen, lernten wir Jev nur oberflächlich kennen und kamen auch sonst nicht so ganz klar auf die beiden frisch verliebten Turteltäubchen. Wir schafften Jev zum Bahnhof (sie wollte wieder nach Tallinn zurück) und lernten Martin daraufhin von einer nie gekannten Seite kennen. Er laberte keinen Blödsinn! Er sprach beinahe gar nicht (zumindest bis es Abend wurde)!! Er schaute keinen Mädchen hinterher!!! Er aß nicht!!!! Zum Glück besserte sich wieder in Tartu bei Kaffee und Bier im B&B seine Stimmung und er erzählte schwärmend von Jev. Am Abend gingen wir in ein russisches Lokal und Sebastian aß eine Fleischkasserolle, die er anfangs nicht öffnen konnte um an das leckere Innere zu kommen. Wir tranken wieder ein paar Vodka. Christian ging danach ins Wohnheim, Martin und Sebastian schlenderten zum B&B, wo sie noch einen netten Dänen trafen und aufgrund des hohen Mitteilungsbedürfnisses diesen ganz schön zulaberten. Den nächsten Tag wollten wir über Riga nach Vilnius fahren und so schliefen wir guter Dinge ein.
16. War denn immer noch Martins Geburtstag, oder was? – (06.09.04)
Gleich früh nach dem Auschecken erfuhren wir von dem Dänen, dass der Bus nach Riga schon vor zwei Sunden losgefahren war. Wir befürchteten schon, dass wir Vilnius ausfallen lassen müssten, der estische Hausherr aber telefonierte und informierte uns, dass von Tallinn ein Euroliner über die Nacht direkt nach Vilnius fährt. Tallinn! –Zufall oder Schicksal- Das Leuchten in Martins Augen blendete Sebastian ein wenig als wir das B&B verließen, nachdem wir uns ordentlich beim Chef bedankten. Wir gingen danach mit Christian ins georgische Restaurant essen. Dort erzählte uns Christian die Schote von der in letzter Minute verhinderten Einweihung einer estischen Unabhängigkeitsstatue in Haapsalu, die einen estischen SS-Offizier in voller Kampfmontur zeigt und jetzt wahrscheinlich immer noch unverhüllt an der Küste steht. Wir verabschiedeten uns von unserem Kollegen und von der Stadt und stiegen in den Bus nach Tallinn. Dort gab (wie sollte es auch anders sein) es ein herzliches Wiedersehen mit Jev. Damit sich Sebastian nicht vollkommen vorkommen sollte wie das dritte Rad am Wagen (oder so ähnlich) hatte sie auch noch eine wirklich hübsche Freundin mitgebracht, die allerdings schlecht Englisch sprach, keine von Sebastians Fragen verständlich beantworten konnte und obendrein wenig später noch zum Arzt musste. Wir gingen danach noch shoppen, Sebastian konnte eine wirklich schöne und preiswerte Jacke erwerben und lernte Jev in der Woodstock-Bar auch etwas besser kennen. Widerwillig schrieb sie uns ihren vollen Namen auf. Wir lernten I like you auf estisch „Sa muldid mulle“ und immer wenn Sebastian aufs Klo ging wurde keine Zeit verschwendet sich innigst zu verschlingen. Jev erzählte noch ein paar Black-Metall-Band-Groupi-Gschichten und es war wirklich sehr lustig. Auf dem Rückweg aßen wir noch Burger, die wiederholt Magenschmerzen verursachten und wiederholt schwörten sich Martin und Sebastian niemals mehr Burger (außer selbstgemacht) zu essen und wir fuhren schwarz mit einer fürchterlich ruckenden Trambahn zum Bahnhof zurück. Martin fasste bei der, ihm natürlich sehr schwer fallenden, Verabschiedung von der kleinen Metall-Jev den Entschluss sie Silvester zu besuchen. Die Fahrt nach Vilnius (nichts war weiter passiert, als dass ein hypernervöser, wahrscheinlich Heroin schmuggelnder, Chinese und ein, gut in „In China essen sie Hunde“ hineinpassender, nach dem billigsten Aftershave stinkender, Russe zugestiegen waren) haben wir eigentlich fast komplett verschlafen, allerdings sind, wie wir entsetzt feststellen mussten, 10 Stunden Busschlaf bei weitem nicht genug und erst recht nicht erholsam und so waren wir, angekommen in Vilnius, ziemlich verrafft.
17. Vilnius – (07.09.04)
Wir buchten sofort den Bus zurück nach Dresden für unglaublich preiswerte 55€ für ca. 1200 km und checkten nach kurzer Richtungsverpeilung das Hostell aus. Dieses war ganz anders, als die davor: relativ schmutzig, aber mit freiem Internetzugang und 6-Bett-Zimmern, in denen lauter schräge Gestalten abhingen. Martin und Sebastian machten sich kurz frisch (ach wären wir den ganzen Urlaub doch nur ein einziges Mal wirklich frisch gewesen!) und erkundeten daraufhin Vilnius. Die Stadt wirkte zum Zeitpunkt unseres Besuches sehr ruhig und entspannt, zumindest im Vergleich zu Riga. Aber die Architektur hatte es in sich (viel Barock, Klassik und sehr, sehr viele russisch orthodoxe Kirchen) und Vilnius versprühte auch feingeistigen, freundlichen Flair. Wieder fiel uns auf, dass Bauarbeiter die Bezeichnung nicht verdienen, treffender wäre Bauherumsteher. Die Ladies waren nicht so bildschön, wie in Riga oder Tartu, das lag wahrscheinlich am 100km nördlich von Vilnius gelegenen, weltweit gefährlichsten Kernkraftwerk in Chornobylbauweise, welches aber immerhin 98% von ganz Litauen mit Strom versorgt. Jedenfalls wurden wir nach ziemlich planloser Erkundung der Stadt wieder etwas fußlahm und beschlossen in eine Freiluftbar zu gehen. Wir trauten unseren Augen kaum, als dort ein Miss-Universe-Zug straight an uns vorbeikam. Miss Belarus und Miss Malta konnten näher identifiziert werden, was unsere Männnärhärzän näturlich bis ins Gähirn schlägen ließ. Mensch du, aber auch. Sowas noch mal zu erleben. Und was das für Bräute waren. Ach du großer Gott. Wir gingen danach, völlig benebelt und verwirrt, noch etwas trinken (hatten wir diesen Urlaub ja noch gar nicht) und schrieben unter dem Einfluss des Finnlandia-Cranberry-Vodka sonderbae Ansichtskarten an unsere liebsten Freunde. Wir verliefen uns wieder, unsere zach formulierte Nachfrage nach dem richtigen Weg, oder vielmehr die ebenso zach formulierte Antwort halfen uns da auch nicht weiter (ist wahrscheinlich immer so, wenn man nach Norden geht und das Ziel im Süden liegt), doch wir fanden es und schafften sogar noch einen kleinen Zwischenstopp im Supermarket. Im gemütlichen Aufenthaltsraum des Hostells saßen neben uns noch 6, sechs, VI, Deutsche! Wunderbar. Aber wirklich alle davon waren sehr nett und cool, Sebastian zockte sogar noch einen Architekturstudenten im Schach ab. Die Deutschen gingen noch in die Stadt um das Nachtleben zu ekunden, für uns war das nix mehr und wir wollten eigentlich nur noch schlafen. Im unserem Zimmer erkannten wir allerdings den hypernervösen Chinesen wieder, der schnarchte a la würde sein Leben davon abhängen, die 100-Dezibel-Marke zu erreichen. Noch nie gehört so was. Wir versuchten ihn auf die Seite zu drehen, ihm die Nase zuzuhalten, doch nichts half. Schlafen konnten wir auch nicht. Kurzerhand zogen wir in zwei „freie“ Betten im Nachbarzimmer m und konnten wenigstens den ersten Teil der Nacht gut schlafen.
18. It´s the last day - (08.09.04)
Gegen 7.30 Uhr trollten sich dann auch unsere deutschen Artgenossen aus dem Nachtleben von Vilnius zurück und wollten eigentlich in ihre Betten, nur waren zwei dieser angenehmen Ruhestätten durch uns annektiert worden. Doch aus das anfängliche Murren wich der alkoholisierten Müdigkeit und man nahm auch mit dem Boden vorlieb. Eine Strafe wurde uns trotzdem auferlegt. Einer war an diesem Abend scheinbar so erfolgreich gewesen, dass er seine Eroberung mit ins Zimmer brachte und diese meinte, ihm ab jetzt ordentlich ein Ohr abkauen zu müssen (und das nicht einmal auf die sexuelle Hinsicht bezogen!!) Sie quatschte, scherzte und erzählte ihm und anderem, wie schön es doch wäre einen Hund zu haben oder dass ihr Bruder in einem Restaurant arbeitet, bla bla bla. Sebastian reichte es dann und verzog sich wieder in sein eigenes Bett, wo er dann endgültig Ruhe fand (für die nächsten sechzig Minuten, dann nämlich weckte ihn Martin wieder, der frisch ausgeruht aus seiner Koje hüpfte). Als wir dann die beiden um Bett betrogenen Deutschen unter die Augen liefen, schämten wir uns schon ein wenig für unsere Dreistigkeit, aber na ja das Recht des Stärkeren hat sich durchgesetzt. Der Tag begann mit einem deftigen Essen beim Chinesen, bei dem Martin eine Portion bekam, bei der der Fleischfresser in ihm erwachte. Auch Sebastians frittiertes Hühn(d)chen war äußerst lecker. Da wir die Kultur in diesem Urlaub doch etwas vernachlässigt sahen, schien ein Besuch im KGB-Museum von Vilnius eine gute Alternative. Es ist wirklich schwer nachzuvollziehen, wie Menschen zu solch Tieren mutieren konnten bzw. können. Man hofft nur, dass, sollten die Stasi-Akten jemals noch komplett veröffentlicht werden, nicht auch nur annähernd solche Greultaten ans Tageslicht kommen. Der Schwermut, den diese Informationen hervorriefen, lastete uns noch eine ganz Weile an. Auf dem Rückweg (ja, dann schon in Richtung Heimfahrbus) schauten wir uns noch vier der unzähligen katholischen und orthodoxen Kirchen an und genossen die Ruhe darin. Es fiel uns wirklich schwer Vilnius mit dem gleichen Elan zu entdecken, wie die Stationen vorher, aber ein Tag richtig ausschlafen und nichts tun hätte uns gereicht, und wir wären sofort weiter gezogen. So endete unser Trip mit einer 20stündigen Busfahrt nach Dresden.