Saturday, December 24, 2005
Das bleibt unter uns und wehe nicht (Das U-Tagebuch von C und M)
Teil 1
Begrüßung
Teil 2
Prinzipientreue Vorbereitung
Es ist nun etwa eine Ewigkeit von genau einem Jahr her, dass uns der Sommer in ein fremdes, weit entferntes, komisches Land treiben sollte. Wie immer wurde alles extrem akribisch und Monate vorher geplant, wie von uns nicht anders gewohnt. Auch war es diesmal viel, viel einfacher, da wir diesmal auf den (Dürr)Schmidt, unseren alten Mitstreiter, verzichten durften, der sich ja bekanntlich irgendwo auf dem schwarzen Kontinent herumtreibt, um wehr- und harmlosen Rüsseltieren nachzustelzen und sie dann genüsslich und in aller Seelenruhe mit Macheten und Kettensägen im Blutrausch zu zerfetzen.
Wie gesagt, wir hatten das Glück mit seiner Abwesenheit gesegnet zu sein und überhaupt deshalb war alles viel besser diesmal. Unsere präzise Planung begann wie bereits erwähnt entsprechend zeitig, exakt eine Woche vor Antritt, zur Hauptreisezeit des Jahres. Der eigentliche Plan war es am 6. September 2005 romantischerweise mit dem Zug innerhalb von 36 Stunden nach Odessa zu reisen. Dies war uns leider nicht vergönnt.
Die, gegen alle Normen deutscher Serviceleistungen, recht freundliche, kompetente und auskunftsfreudige Bahnangestellte machte uns klar verständlich, dass es keine Möglichkeit gab, relativ preiswert in der vorgegebenen Zeit in das ukrainische Strandmekka zu reisen. Alles wäre ausgebucht, oder zumindest wären keine Schlafplätze mehr frei gewesen. Warum in den Computern der Deutschen Bahn Plätze und Schlafplätze getrennt angegeben werden, obwohl es unter keinen Umständen möglich ist, einen Platz in diesem Zug zu reservieren ohne gleichzeitig einen Schlafplatz zu mieten, bleibt uns bis heute schleierhaft. Uns war bis dato immer noch nicht so richtig bewusst, warum so viele Menschen in die Ukraine wollten. Richtig gehört!! Auch in den abgelegensten Winkel unseres ach so zivilisierten westeuropäischen Kontinents reisen Typen, die nicht nur so riechen, sondern unglaublicherweise auch noch so aussehen wie wir. Unvorstellbar so was! Ok, dachten wir uns, vielleicht gibt´s ja ne Eurolines Verbindung. Nach kurzem überlegen, ließen wir diese Idee mit jähem Entsetzen fallen, 24 Stunden Busfahrt? Nee, nee, die Erinnerungen an die kolonnenweise Verfrachtung ostdeutscher Touristen nach dem Fall der Mauer und der ersten freiheitlichen Reisen an die Costa del Sol waren einfach noch zu frisch. Und in jungen (ja ja, ich weiß, eigentlich sind´s die alten, passt aber hier nicht) Wunden sollte man nicht herumbohren. Aber, dachten wir uns, bringt ja nun alles nichts, schließlich hatten wir ja uns auch schon mit einer 14-Tage Versicherung der AXA-Versicherung übers Ohr hauen lassen, und 20 Euronen für keinen Urlaub zu zahlen, fanden wir dann doch etwas zu beschissen.
Nun kam plötzlich eine ganz neue, bis dahin nicht beachtete Alternative ins Spiel. Per Luftpost! Hmm, immer noch von dem Gedanken gequält, uns zu ruinieren, wagten wir uns letztendlich doch ins Reisebüro. Wiederum trafen wir auf hilfsbereites Fachpersonal, welches uns freundlicherweise alle möglichen Flüge raussuchte. Natürlich gab es genug aus der Kategorie –die könnt ihr euch im ganzen Leben nicht leisten-, aber für uns Gücksfüchse gab es da noch die Ukrainian Air Touristenklasse für 273 Euren und da schlugen wir natürlich zu, zumal die Zugfahrt nicht viel weniger gekostet hätte, und die Busfahrt bereits als zu knie- und rückenfeindlich ad acta gelegt wurde. Also Fliegen, ok, ist auch nicht schlecht, machen wir das halt so, fliegen wir also am 6. September, 18.05 Uhr von Berlin/Tegel nach Kiew sind ja beide jung, dynamisch und flexibel.
Dies implementierte natürlich die sofortige Kontaktaufnahme mit unseren kleinen Mashinka, schließlich war nicht Kiew, sonders Odessa das eigentliche Ziel unserer Reise. Vermutungen nach zufolge, dass es nicht so einfach oder gar unmöglich sein würde einen Zug oder Bus im Anschluss an unsere Ankunft am Kiewer Flughafen zu bekommen, überließen wir die Organisation gleich vollständig unserer liebreizenden ukrainischen Bekanntschaft. Genialer Schachzug. Keine Arbeit, kein eigenes Kopfzerbrechen oder gar Herumbalgen mit ukrainischen Beamten via email, dazu noch mit extrem schlechten Russischkenntnissen und null dergleichen in Ukrainisch, keine Chance. So einfach kann´s gehen, wenn man sich nur ein bisschen dumm stellt! Mashanja regelte es folgendermaßen. Sie rief ihren Bruder Саша in Kiew an, um ihm darauf vorzubereiten, dass wieder einmal ein paar Freunde von ihr eine Herberge für eine Nacht benötigten und da wir Flaschen in Hinsicht ukrainischer Sprache sind, durfte er sich auch noch um die Reservierung der Bus- oder Bahntickets kümmern. Dies hat unser Sunnyboy, er ist wirklich einer der Kategorie „extrem-girls-hunter“ – seine Zimmerwände sind übersäht mit Photos seiner weiblichen Trophäen, natürlich sehr gern für uns erledigt.
Aber eigentlich sind wir ja noch gar nicht los geflogen, also wieder zurück. Da gibt´s nämlich noch etwas, was schon noch erwähnt werden sollte. Die zweite Planänderung nämlich. Am Vorabend unserer Reise rief C bei M an und meinte, wir können nun nicht zusammen nach Berlin fahren, er müsse mit einer Anderen da hin, er hätte ganz vergessen, dass er ihr versprochen hatte, genau an diesem Wochenende, sie nach Berlin begleiten zu müssen. M war schon etwas geschockt, normalerweise spart man sich Änderungen festgesetzter Pläne in letzter Sekunde, um das deutsche, nach geregelten Abläufen und Ordnung lechzende Herz nicht zu arg zu beanspruchen. Aber auch diese Hürde meisterten wir wunderbar und M kam in den Genuss C´s Rostkarre strengen Regeln zufolge (maximum speed limit 160 km/h) nach Berlin zu chauffieren. Gesagt, getan.
Start der Reise
Am 6. September um 13.00 Uhr starte M die Reise in die Bärenhauptstadt, und nach einigem Zittern und Bangen erreichte dieser den Flughafen Berlin/ Schönefeld, kickte seine bis dato noch in Deutschland weilende Freundin Jev (sorry for that!!) aus dem Wagen und erreichte pünktlich wie die viel zitierten Mauerer das Haus von C´s Tante. Sie hatte nämlich freundlicherweise ein Taxi für uns bestellt (und auch gezahlt). Der Fahrer, ein alter Bekannter von C, stürmte auch so gleich heraus und zwang uns in den Wagen, schließlich hatte auch er noch anderen Verpflichtungen nachzugehen. Wieder pünktlich kamen wir dann auch am Flughafen an. Bis jetzt lief ja eigentlich alles ganz zufrieden stellend. Genug Zeit, eine zu rauchen und ein gemütliches „Abschiedsbier“ zu trinken, alles wäre perfekt gewesen…doch die Anzeigetafel „departure“ konnte uns an diesem Tag irgendwie nicht leiden. Trotzig verbarg sie die bestätigende Information unseres Fluges nach Kiew. Nix! 18.05 Uhr ging nicht mal n Flug in irgendein anderes „Scheissland“! Uns wurde schlecht. C meinte, man müsse dann doch mal auf die Tickets schauen, und tatsächlich, da stand nicht Flug: Kiew, 18.05 Uhr, 06.09.2005, da stand die geschrieben, Flug: Kiew, 18.05, 07.09.2005. Hätte uns jemand in der Zeit beobachtet, hätte dieser definitiv sofort mitbekommen, was vor sich ging. Wir schauten uns an und versuchten erstmal Schuldige aus zu machen und fanden diese dann einstimmig in der „blöden Tussi aus´m Reisebüro“. Die war das nämlich, die hat die Abflugsdaten verdreht! Kein Vorwurf an uns! Niemals nicht! Frustfressen bei Burger King! OK, Watt nu? sprach der Hase? Eene roochen und erstmal n Hackflex uffzocken. Jetzt mussten erstmal Alternativen gefunden werden. Natürlich kann man auch mal ne Nacht durchmachen, auf´m Bahnhof pennen kann man immer. Aber das muss nicht sein, kennt man Leute in Berlin, die man eh schon lang nicht gesehen hat und ein Besuch längst überfällig ist. M rief daraufhin Martin Fragel an. Ihm wurde die Geschichte erzählt und der erste Lacher war damit auch schon fällig. Trotz alledem lud er uns, gezwungenermaßen zu sich und seiner Familie nach Hause ein. Das Asyl erwies als äußerst angenehmer, lustiger und längst überfälliger Besuch der inzwischen vierköpfigen Preußenfamilie.
Bewaffnet mit 16 Becks und ner Packung „moods“ machten wir uns auf in die Irenestraße in Berlin/ Lichtenberg. Gemütlich zogen wir uns die Bier auf dem kleinen Balkon zu Gemüte, beschwätzten alles was im letzten Jahr von Bedeutung war und rauchten jeder eine Packung. Die beiden kleinen Fragels, Nolan und Melvin waren bereits im Bett und die Frau Mama gönnte sich einen freien Abend im Kino, was selbstverständlich nur mit der Zustimmung des Hausherren möglich war. Die kleine Notlüge, wir hätten die moods für den Herrn Fragel als Gastgeschenk vorbeigebracht, zog zum Glück auch, als Kathleen etwas später am Abend ebenfalls eintraf. Ein kurzer Bericht über unser „Falafel“[1] stimmte auch sie auf unsere Gutmütigkeit ein und wir redeten noch eine Weile über dies und jenes. Natürlich waren zu späterer Stunde besonders die 2 beiden Wonneproppen thematischer Mittelpunkt der Diskussion und da erfuhren wir auch, dass Nolan es bevorzugte punkt 7.00 Uhr morgens mit den Matchern[2] zu zocken. Cool, dachten wir uns, sind wir dabei! 0.00 Uhr packte dann alle die Müdigkeit und C und M hatten das erste Mal das Vergnügen, im ja noch nicht einmal richtig begonnenen Urlaub, bei einer Familie auf der Couch im Wohnzimmer zu nächtigen.
Wir stellten uns die Wecker, punkt 7.00 Uhr standen wir beide mit je 2 Matchern bewaffnet vor Nolans Tür, doch nichts regte sich, in der ganzen Wohnung war nix zu hören. Mmh, dachten wir uns, entweder die erzählen uns die ganze Zeit nur Blödsinn (absichtlich oder unabsichtlich sei jetzt mal dahin gestellt) oder wir brachten die kleine Familie mit unserem unerwartetem Besuch vollkommen aus´m Konzept und ihrer Planung fürs Wochenende wurde umgestülpt, dass wir sie so auslaugten und sie bis ultimo schlafen mussten.
Die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen. Jedenfalls butzelten M und C noch mal eine Stunde bis 9, was ja eigentlich 2 Stunden waren, aber die vielen Bier am Abend zuvor drückten wahrscheinlich noch ein bisschen aufs Hirn.
Nolan (2 Jahre) war noch ein wenig scheu und musste sich erst einmal an uns gewöhnen. Melvin (1/2 Jahr) interessierte es herzlich wenig, wer wir waren und aus welchem Grund wir zu Besuch kamen. Er lächelte nur und freute sich sabbernderweise, wenn jemand seine Hand hielt oder ihn auf den Schoß nahm. Nachdem M und C Fressalien (Norma, U-Bahnhof Lichtenberg, Mo – So 8.00 – 20.00 Uhr) eingeholt hatten, gab es ein super chilliges gemütliches Sonntagmorgen Familienfrühstück mit der gesamten Familie Fragel.
Dabei taute Nolan schnell auf und zeigte uns seine Nutellabrotesskünste und Melvin grinste und sabberte. Nach dem Essen zockte Martin F. noch kurz mit Nolan wobei er ihm schnell noch beibrachte, dass M und C echte Sachsen wären und die ziemlich selten im Land der Berliner und Buletten wären. Dies ließen wir natürlich nicht auf uns sitzen, und lernten ihm schnell Dierborg (Tierpark) zu sagen, was dem Vater natürlich missfiel. Da sieht man wieder, wie schnell Kinder zum Spielball von Erwachsenen und ihren Meinungsverschiedenheiten werden. Während die 4 „großen Männer“ sich noch mal aufrafften um Berlin, das jüdische Denkmal und das Sony Center zu erkunden, verbrachte Kathleen die Zeit mit Melvin mit schlafen, stillen und zocken.
Aber auch dieser abwechslungsreiche halbe Tag ging zu Ende und als wir gerade richtig eingewöhnt hatten, mussten wir auch schon wieder weg. Na gut, s´war ja eigentlich nur eine Notlösung, aber wir hatten fast schon das Gefühl, als wäre dieser Abstecher ein geplanter Bestandteil unseres Urlaubs gewesen. Wir bedankten uns brav und verabschiedeten uns vom stummen Melvin, Nöhle-Nolan, Preußen-Martin und Kathleen H. Danke, war echt nett bei euch!
[1] Ein Falafel in diesem Sinne ist eine große Dummheit, Verpeilung oder ein
[2] Matcher, auch Matchbox genannt, sind die kleinen gusseisernen Metallautos, welche auch gern mal benutzt worden, um anderen bösen Kindern im Sandkasten auf´n Kopf zu hauen.
Und noch mal!
Zweiter Versuch! Wieder kamen wir pünktlichst in Tempelhof an, noch behielt die Anzeigetafel ihren Schrecken, aber wie mutige Ritter schritten wir darauf zu, und zu ihrem Glück zeigte sie uns diesmal die richtige Abflugszeit und die sogar in Kombination mit der richtigen Richtung. Wir Glücksfüchse! Zeit war immer noch genug. Abschiedsbier und –kippe, rinn in den Vogel und nach 15minütiger Verspätung ab nach Kiew. Wie extra reserviert bekamen wir die beinfreundlichsten Plätze zugewiesen, direkt am Notausgang und direkt neben Detlef aus´m Ruhrgebiet. Dieser äugte auch gleich rüber zu uns und wollte sogleich Flugzeug-Nachbar-Konversation betreiben, aber dies blockte M. erstmal für ne Weile mit großartig augesetzter Ignoranz. Leider konnten C und M nicht die ganzen 2,5 Stunden standhalten und fragten ihn dann doch nach seiner Reisemotivation, was Detlef auch sofort nutzte, um uns sein Herz auszuschütten und nebenbei seine Lebensgeschichte zu erzählen. Auch war er bekennender Befürworter des kroatischen Steuerrechts! (Bleibt unkommentiert, ist einfach zu uninteressant und würde den spannenden Plot des Tagebuchs zerstören!) Ein Thema schien doch interessant zu werden – man benötigt in der Ukraine unbedingt eine AXA-Versicherung – wussten wir aber selber schon.
Der Flug verlief angenehm ruhig, nur in Kiew pisste es Strömen. Im selbigen Flughafengebäude wurden auch deshalb überall kleine Wassereimer aufgestellt, um das Überfluten zu verhindern. Nachdem wir einem x-beliebigen Flughafenbediensteten unser Barvermögen offen gelegt hatten, betraten wir erstmals zivilen ukrainischen Boden, standen aber sogleich vor dem nächsten Problem. Wie in die Stadt kommen? Unsere Russischkenntnisse beschränkten sich auf ein simples „один сбасибо, пожалуйста!“[1], was uns in dieser Situation nicht weiter brachte und im Grunde auch gar nix bedeutet. Draußen wurden sofort von heranstürmenden Taxifahrern belagert die allesamt den 3fachen Touristenpreis wollten. Nach einer Kippe, und ewigem hin und her, wer von uns die Verantwortung übernehmen sollte, eine Entscheidung zu treffen, entschlossen wir uns dann, eine Maschrutka[2] zum Bahnhof zu nehmen. Von da aus nahmen wir dann doch ein Taxi und fuhren zu Sasha, Masha´s Bruder. Das Gebiet, in dem er wohnt, hält jeden Vergleich zu den ehemaligen Prunkbauten von Berlin-Marzahn stand, halt nur ohne Spuren irgendwelcher Restaurierungsversuche. Alte Häuser verfallen, aber dafür werden neue Elendsburgen aus dem Boden gestampft – krässlichst! Im 8. Stock begrüßt uns Sasha dann Oberkörper frei, es war auch verdammt warm da. Er lächelte etwas schelmig, als wir ihm die Flasche „Bacardi“ überreichten. Dass er ein allseits bekannter Schürzenjäger ist und auch früh durchschnittlich länger im Bad braucht, um seine 3 Haare in die richtige Position zu geelen, hat C. ja bereits erwähnt. Aber als M. die Trophäenwand das erste Mal betrachten durfte, wurde ihm ganz schwindlig. Alles voll mit Pussies in den verschiedensten Varianten, Outfits und Posen. Auch die Wohnung war voll auf Liebeshorst ausgerichtet und C. und M. mussten in seinem Horstzimmer Nummer 1 schlafen. Am nächsten Morgen entwarf uns Sasha eine Skizze, nach der wir ganz leicht das Stadtzentrum und den Busbahnhof finden sollten. Leider nützte uns diese wenig und somit kamen wir das erst Mal mit ukrainischer Auskunftsbereitschaft auf der Straße in Kontakt. Die (in Englisch) angesprochene Frau, verstand uns zwar ein wenig, aber wie man sich denken kann, war´s mit unserem Verständnis nicht weit hergeholt. Sie gab sich alle größte Mühe, glaubten wir zumindest, aber ebenso hätte sie uns auch extrem beschimpfen können und wir hätten trotzdem zurück gelächelt und uns bedankt. Letztendlich nahmen wir dann irgendeine Maschrutka auf der ein rotes M geschrieben war und hüpften an der nächsten Stelle wieder raus, die so aussah als würde dies eine U-Bahnstation sein. Hinter dieser verbarg sich Europa´s größter Markt für gebrannte CDs und DVDs, so was hat die Welt noch nicht gesehen, man bekommt da einfach alles, die schundigsten Filme aller Zeiten, die perversesten Pornos oder Filme, die noch nicht mal im Kino liefen. Wir kauften uns nix! Nachdem wir mit der Metro bis zur letzten Station gefahren waren, nahmen wir auf dem Gehweg, geschützt vom penetrierenden Regen, unser Frühstück ein, 2 Teigtaschen, 2 Bier und 2 Kippen. Wir kamen uns schon echt ukrainisch vor, insbesondere, da M ohne Probleme das allererste Mal in Russisch bestellte. Nachdem wir den Busbahnhof ausfindig gemacht hatten, und dank fehlender Sprachkenntnisse keine Gepäckabgabe fanden und es immer noch regnete, verzogen wir uns auf einen kurzen Besuch zu Gutschmeck[3].
Der 2 stündige Aufenthalt wurde effizient mit Backgammonregeln lernen und zaghaften Spielversuchen ausgefüllt. Danach aber hielten wir den penetranten Burgergeruch nicht mehr aus und flüchteten in die nächstgelegene Spielunke, welche sich typischerweise nicht weit vom Bahnhof finden lies. Wie nicht anders angenommen, trieben sich auch um diese frühe Stunde, mitten in der Woche trinkwillige Kreaturen jeglicher Couleur herum. Um nicht als erstes aufzufallen wie ein Pinguin am Nordpol bestellten wir uns geschwind ein einheimisches Bier und versanken wieder in der Anonymität der Großstadt, so dachten wir. Ok Ok, unsere im Nachhinein doch recht auffälligen Rucksäcke haben vielleicht doch ein wenig gegen uns gearbeitet, wir fühlten uns trotzdem besser.
Zugegeben, wir hatten natürlich unsere anfangs erwähnten Vorurteile gegen dieses Land noch nicht vollends abgelegt, da wurden wir vom Innovationsreichtum der Ukrainer bereits das erste Mal stark beeindruckt. Es begab sich Folgendes. Wir tranken gerade unser bestelltes lokales Hopfengebräu, als plötzlich C´s Interesse an dem runden Dingelchen vor ihm extrem anstieg und die Fragezeichen in seinen Augen zu leuchten und funkeln begannen.
Dieses, einer Weeddose[4] ähnelnde Teil war aber echt eigenartig. Von unten gesehen war es offen und hohl und innerhalb mit zwei kleinen Drähten versehen. Die Oberseite zierte das bereits etwas abgegriffene Bild einer Serviererin. C nahm es hoch, drückte etwas darauf herum und plötzlich gab es ein lautes quäkendes Geräusch hinter der Bar und eine Kellnerin kam heran. C und M liefen beide rot an und versuchten die Dame mit herumwedelnden Armen beizubringen, den Weg sich zu ersparen und nicht extra herzukommen, da es sich nur um ein durch westeuropäische Neugierde hervorgerufenes Versehen handelte. Sie bestrafte unsere Unwissenheit mit menschenverachtenden Blicken und drehte sich wieder um. Interkulturelle Kommunikation, voll einfach! Wir tauften diese Klingel Bestellaufnahmedameranholtouchpad. Warum? Wir hatten halt gerade unsere kreative Phase. Während des weiteren Spielunkenaufenthaltes versuchten wir die Laune unserer Kellnerin mit aufgesetztem Lächeln aufzubessern, nicht nur aus reiner Freundlichkeit Menschen gegenüber, sondern aus der Angst heraus, das wir neben der üblichen Touristensteuer auch die „Ich-bin-beleidigt-wegen-euch-zwei-blöden-Wichsern-Steuer“ aufgeprummt bekommen könnten.
Dank dem lieben Sasha hatten wir bereits unsere Bustickets nach Odessa. Dieser war zwar nun nicht besonders angenehm, aber aushaltbar, besonders auch, weil uns eine wunderschöne amerikanische Verwechslungs-Teeni-Kömödie aus Hollywood, mit zwei super agierenden Polizeidetektiven in den Hauptrollen, gezeigt wurde. Einerseits zeigte uns, dass auch hier in der Ukreine (wie dieses Land, vielen Deutschen zufolge, eigentlich ausgesprochen werden sollte) der Westen mit seinen über alle Zweifel erhabenen Produkten Einzug gehalten hat, jedoch an der Übersetzungstechnik[5] noch gearbeitet werden sollte. Das bedeutet im Klartext, zwei Sprecher, männlich und weiblich, sind aus unserer Perzeption einfach zu wenig, um einen gesamten Film zu synchronisieren. Gut, kann man jetzt sagen, wenn man die Stimmen verstellt, kann man vielleicht drei bis vier unterschiedlichen Charakteren eine eigene Identität geben. Aber wenn im Film ca. 200 verschiedene Menschen zu Wort kommen, da ist das unseres Erachtens nicht mehr möglich, überzeugende rüber zukommen und ganz besonders nicht, wenn im Hintergrund immer noch die Originalfassung zu hören ist. Nee, das geht nicht Ukreine. So ein großes Land und keine Dubbingqualität, das ist doch keene Relatiooun[6]. Noch während der 9 stündigen Fahrt sprach uns eine Dame in englisch an und fragte uns, woher wir kommen, wir sagten, aus Deutschland und schon war sie wie aufgedreht und freute sich sehr uns kennen zulernen. Auch stellte sie uns gleich ihre beiden Töchter vor und lud uns ein, an ihrem Mittagessen teil zunehmen. Es stellte sich heraus, dass alle drei bereits vor mehreren Jahren nach Kanada ausgewandert sind und jetzt ihre Verwandten in der ukrainischen Pampa besuchen würden. Wir führten ein angeregtes Gespräch mit den Dreien und aßen währenddessen ihr Mittag. Wir hoffen, dass wir nicht all zu gefräßig rüber kamen, ach, und wenn schon, die sehen wir eh nie wieder.
[1] „Ein Danke, bitte!“
[2] immer überfüllter Minibus
[3] aka McDonald´s (copyright held by WG23 Trinks/Heinrich)
[4] Marijuana-Aufbewarungs-Behälter
[5] engl.: dubbing
[6] Anlehnung an Olaf Schubert (sächs. Kabarettist) erwünscht
Ankunft in Odessa
Am 8.8. um 23.00 Uhr erreichten wir dann endlich das erklärte Ziel, Odessa. Am Busbahnhof wurden wir dann sehr freundlich vom gar nicht mehr sooo kleinen Mashalein und ihrem Vater willkommen geheißen. Auf dem Weg zur Wohnung blieben wir mit dem erst vor 2 Wochen neu erworben Skoda Fabia erstmal fast stecken. Man kann sich das wirklich kaum vorstellen, mit was für Kratern eine Straße übersäht sein kann. Bei einem Gefälle von ca. 20% ging es solang runter bis ein Loch den kleinen Fabia fast verschluckt hätte und dies uns zum Rückzug zwang. Letztendlich kamen wir auch hier wieder ans Ziel, und dies war in diesem Fall die elterliche Wohnung von Masha. Es war ja bereits kurz vor 0.00 Uhr, trotzdem wurden wir sehr freundlich von Masha´s Mama aufgenommen. Natürlich bestanden wir darauf, im kleinen und für Besucher idealen Gästeraum zu nächtigen, aber da machte uns die ukrainische sture Gastfreundlichkeit einen Strich durch die Rechnung.
Geschlagen, zogen wir wieder in ein Wohnzimmer einer Familie und fühlten uns anfangs schon etwas komisch dabei. Denn, wenn man sich überlegt, dass wir mehr als 1 Woche lang einen der meist genutzten Räume der Familienwohnung komplett besetzen sollten, muss man hier den Vergleich mit so mancher unflexiblen (nicht ungastfreundlichen!) und alt eingefahrenen deutschen Familie wagen, und sich die genervten und vielleicht sogar angepissten Gesten und Mimiken vorstellen, welche zwischen den beiden Gastgebern ausgetauscht würden, wenn seit 1 Woche, zwei Typen in ihrem Wohnzimmer pennen, alles mit ihren schmutzigen, verschwitzten Klamotten zu bauen und somit die „Ruhe der Familie“ stören! Huh, was für eine grausame Vorstellung! Am Anreiseabend tranken wir noch ein paar ukrainische Bier- und Vodkaköstlichkeiten und freuten uns mit unserer Masha. Sie war ganz schön aus dem Häuschen und konnte es immer noch nicht richtig fassen, dass C. und M., die 2 verpeilten Typen aus Deutschland es tatsächlich auf die Reihe bekommen hatten, sie nach so vielen Unklarheiten im Vorfeld zu Hause zu besuchen.
Der Strand
Für M. war es das erste Mal, dass er seine Käsefüße in „ein“ schwarzes Meer hängen durfte, aber viel anders als all die anderen Meere war es dann doch nicht. Der Strand jedoch war wie leergefegt und so zockten wir ein wenig Frisbee.[1] Wir steuerten noch an einem der seltenen (Ironie!!!) Alkshops vorbei und da ein Tag stets so beendet werden sollte wie er begann, spülten wir die paar Bier mit ordentlich Vodka runter. Dies machte uns aber leider im abendlichen Familien-Domino-Spiel nicht besser und ließen die beiden Frauen (Masha und Lena) haushoch gegen uns gewinnen. Wir wollen uns auch nicht nachsagen lassen, wir wären Lumpen und würden unserem männlichen Gewinndrang zu freien Lauf lassen. Aber egal, wir gingen sehr zeitig zu Bett, was auch unserem Alkoholpegel zu zuschreiben war und der nächste Tag wurde aus Selbstschutz nicht wieder mit Vodka begonnen. Nachdem der Vormittag mit ausreichend „Planen“ verbracht wurde, wie wir unsere Zeit hier am sinnvollsten verbringen könnten, schafften wir es tatsächlich vor 13.00 Uhr das Haus zu verlassen, was genau ausgedrückt 2 Stunden eher bedeutete und M. sehr damit zufrieden war seine „wertvolle“ Zeit nicht einfach nur mit früh-nach-dem-Aufstehen-erstmal-2h-auschillen zu vergeuden. So „fuhren“ wir also per Fußbus zum Strand und hatten eigentlich nichts weiter im Sinn, als extrem abzuchillen, doch leider meldete sich der Magen sofort wieder, was eigentlich auch klar war, weil nach einer Puppenportion Start-Cornflakes kann sich kein Erwachsener als ausreichend gefüllt fühlen, um die nächsten Tage ohne Essen auszukommen und schon wieder wurden wir mit einer neuen Erfahrung konfrontiert – ukrainische Hotdogs!!
Wenn das, was wir da zu uns nahmen wenigstens Hund gewesen wäre, hätten wir zumindest gewusst, was wir da aßen. So waren Karotten das Einzige, was erkennbar war.
Trotz des Ekels riskierten wir dennoch einen intensiveren Blick auf den Strand und entdeckten…..leider nur Wale und Walrösser[2], die nur auf engagierte Greenpeaceaktivisten warteten, um ins Meer zurück geschoben zu werden. Dies geschah leider nicht! Wäre schön gewesen, aber war einfach nicht! Aber wer kann auch von sich behaupten, Greenpeace-Leute jemals in Aktion gesehen zu haben? Also wir nicht! Vielleicht ist das auch nur ne „Fake-Vereinigung“, die nichts außer n gutes Image etablieren will, um so viel Spenden wie möglich einzunehmen? Naja, wir sollten vielleicht nicht so hart sein und alles anzweifeln und die Leute der Tierschutzvereinigung ihre Arbeit machen lassen und darauf hoffen, das sie es richtig machen und uns nicht nen Seelöwen für nen Tiger verkaufen wollen! Um diese Zwischengeschichte zu beenden, es fand` sich leider keiner der besagten Aktivisten, um die mächtigen Erzeugnisse der Natur zurück ins Meer zu rollen, und so bleiben sie wahrscheinlich liegen und verrecken elendig! Aber da wäre noch was zu bemerken und zwar stellte sich uns die schleierhafte Frage nach den eigentümlichen Essgewohnheiten so manches odessietischen Eingebornen und dessen plötzlich aus dem Nichts auftretenden Heißhungers auf Frischfisch. Dieser ist leider nicht mehr frisch, weil er schon circa 2 Tage am Stück bei Höchsttemperaturen in der Sonne gelegen hat und am Strand trotzdem noch munter drauflos verkauft wird. Igitt, schreit da unser Tiefkühlfisch-verwöhntes Verdauungsorgan. Wir entschieden uns trotz seiner offensichtlichen Reife, keinen Fisch zu kaufen.
Eine der überhaupt schlimmsten Entdeckung, die wir in der Ukraine machten, waren Mädchen im Alter von vielleicht 8-10 Jahren, welchen die Frau Mutter bereits erlaubte sich am Strand in Stringtangas zu präsentieren. Geht das mit der antiautoritären Erziehung vielleicht nicht doch ein bisschen zu weit? Wer produziert eigentlich solche Textilien in der Größe XXXS ? Sollte man dieser Firma nicht Mithilfe zur Kinderprostitution vorwerfen und diese direkt vor Gericht zerren? Also ich weiß nicht wie´s euch geht, uns jedenfalls kamen diese Gedanken schon.
[1] in der Kindheit auch spaßenshalber Friss-die-scheibe genannt, was aber nach 10 Jahren Reifungszeit absolut unlustig und kindisch erscheint, warum nur?
[2] Fette Menschen, insbesondere riesige, rothäutige Frauen
Teil 8
Vorbereitung Entdeckungsreise West-Ukraine
Um euch nochmals daran zu erinnern, Masha hatte ja einen Trip durch den westlichen Teil des Landes geplant und auch schon mit einigen lokalen Individuen gesprochen, wann und wo wir günstig übernachten könnten. Tja, wenn man sich alleinig auf sein Organisationstalent verlassen kann, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass auch alles aalglatt über die Bühne läuft. Weitgefehlt, und insbesondere dann, wenn dem Glück noch eine staatliche Institution zwischengeschaltet ist – wir hatten bis jetzt ja noch keine Tickets, um die Reise überhaupt starten zu können. Es war nun bereits der dritte Versuch an die Dinger ranzukommen und, wie sollte es auch anders sein, auch dieser schlug fehl! So läuft´s manchmal, Kameraden! Mit tief hängenden Köpfen verließen wir den Busbahnhof und unser Gemüt musste erstmal mit einer großen Portion chinesischem Essen beruhigt werden. Das Restaurant, von dem wir hier sprechen, präsentierte sich uns in einem eigenartig leerem Zustand, aber das lag sicherlich daran, dass uns anstatt der üblichen dahinplätschernden chinesischen Begleitmusik, Russentechno in seiner vollsten Brachialität und extra laut um die Ohren gewedelt wurde.
Eigentlich glaubten wir der „Kartenschalter-Tussi“ nicht, dass eventuell eine Stunde später Berechtigungsscheine aus dem Nichts auftauchen würden, oder gar für uns frisch gedruckt werden würden, trotzdem versuchten wir es erneut. Während Masha wieder mit der gleichen komischen Person (weiblich, oder doch nicht?) verhandelte, beäugten M. und C. in der Zwischenzeit den bis dato schönsten Hintern der Ukraine, der perfekt den schönsten Rücken der Ukraine vollendete.
Wir trauten unseren Augen und Ohren nicht, als Masha, nach einigen Schalterwechseln, tatsächlich mit drei Fahrkarten für den Nachtzug nach Lviv (Lemberg) zurückkam. Wie das Ganze vor sich ging und welche Logik dahinter stand, verstanden wir wieder nicht, begnügten uns damit, dass offensichtlich noch ein Wagon angehängt wurde.
Charakteristika des Landes
Dieser Unterschied war besonders in den Demonstrationen während der „Orangenen Revolution“ zu spüren und hat wahrscheinlich eine noch größere Distanz zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen geschaffen. Es war sogar kurzzeitig von einer Abspaltung des Ostens die Rede. Zum Glück hat sich die Situation wieder ein wenig entspannt, aber beantwortet ist die Frage über die Zukunft des Landes bei weitem noch nicht und es ist abzuwarten was Juschtschenko und seine Vasallen auf ihrem abenteuerlichen Weg der Demokratie so alles zustande bekommen.L’Viv[1], Wodka und 15’Jährige Frauen
Erstmals begann unser Tag absolut ohne Alkohol und auch wurde nicht zu viel mit frühstücken und anderen Sinnlosigkeiten verbracht. Schnell checkten wir ein Praktikum für C. bei einer NGO[2] aus. Alles lief zufrieden stellend und auch um schöne Candys brauchte sich C. nicht sorgen, alles war vorhanden. Gut, dachten wir, hätten wir das auch erledigt, da brauchen wir ja eigentlich nur noch Bier für die Reise. Hehe! Der Reiseproviant wurde gekauft und nach einem eher mittelmäßig, aber selbst gemachten Thunfisch-Nudel-Brei genossen wir die erste erträgliche[3] Maschrutkafahrt unseres Urlaubs zum Bahnhof.
Das erste Mal in einem Original-Nachtzug fahren! Mann das war schon was! Ich mein, wer kann sich so was in Deutschland leisten? Da fällt mir gleich noch eine Anekdote zu diesem Thema ein! Wusstet Ihr, dass man in Holland, als Student kostenlos mit der Bahn durch das ganze Land fahren darf? Ist wirklich wahr! Wir mit unseren beschränkten Reisemöglichkeiten in Deutschland können ja gar keine Beziehung zu den alten Bundesländern aufbauen! Unmöglich! Man kommt sich ja vor, als würden die uns wieder DDR-mäßig einpferchen wollen! Von wegen, Deutschland einig Vaterland! Pah! Die schwule Bahn kann uns doch gestohlen bleiben! Spalter Deutschlands!! Da bleiben wir doch lieber zu Hause, bei Mama!
Wir hatten jedenfalls ein sehr angenehmes Abteil mit vier Betten, zwei jeweils übereinander. Das letzte Bett hatte eine Schwedin gemietet. Mmh. Man hält ja, als Westeuropäer nicht besonders viel von Skandinaviern. Und man muss sagen, sie und ihr verlobter Freund bestätigten viele der bestehenden Vorurteile gegenüber diesem nordischen Volk – schweigsam, verschlossen, aber nett, wenn sie was sagten! Alles in allem – smoothe Reisebegleiter! Und nach drei Einschlafbier und einer Runde Domino[4] waren uns die Schweden auch ziemlich schnell egal! C. hatte ein paar Einschlafprobleme, nicht nur weil sein Bett circa 30cm zu kurz war, auch das Rütteln und Rattern des Zuges machten ihm zu schaffen.
Trotzdem hielt der Zug planmäßig in Lviv und zwar um 5 Uhr morgens. Leider hatten wir uns mit der Lviv-Bekanntschaft erst um 7 Uhr verabredet und so mussten wir noch 2 Stunden im Bahnhof verbringen. Für ein paar Grivnas durften wir uns in das Bahnhofsrestaurant setzen. Aber! Es ist nicht zu vergleichen mit dem was man aus Deutschland kennt. Hier ist alles eher Nobelhotel-gleich, der Hammer, mit Kronleuchtern, Marmor und anderen Spielereinen. Wirklich beeindruckend – im Nachhinein! Wir konnten diesen reinen Architektur-Candys leider keinen echten Tribut zollen, da Müdigkeit und Grütze-Labern zu diesem Zeitpunkt die Gesprächsthemen unserer Gemüter und Hirne beherrschten.
Wir wussten ja nicht wirklich, was wir in der Zeit tun sollten, und somit wagten wir uns auch vor das Bahnhofsgebäude. Was uns da ins Auge sprang, war echt harter Tobak. Rauchen, das wurde uns in diesem Moment einschlagend bewusst, ist schon eine Art Volkssport in der Ukraine!
Ja, ja es war zeitig, wir noch streng vermutzelt und Olga noch besoffen. Denn anstatt sich auf den erwarteten hohen Besuch aus Deutschland vorzubereiten, dachte sie es mache einen super Eindruck mit einer Alkfahne herumzulaufen und Scheisse zu sein. Nichtsdestotrotz wusste sie noch den Weg zu ihrer Wohnung, wo sie uns andauernd das Gleiche erzählte und wir Frühstück und Dusche genossen.
Aufgrund der anhaltenden diffusen Müdigkeit als Nachwirkung der Zugfahrt, begann unser L’Viv Trip etwas ruhig, oder anders ausgedrückt mit zwei Bier und zwei typisch ukrainischen Hackfleischteigtaschen. Der Imbiss, an dem wir aßen und tranken, lag zufällig neben einem original russischen Markt, d.h. es gab eine immense Auswahl an Plastescheiss, Radios, Raubkopien und Polenjeans, aber auch geilen Frass, vor allem Fleisch und Obst in Massen. Und, nicht zu vergessen, M. kaufte sich die beste Tasche der Welt. Nie wieder rumsuchen in seinem Strandbeutel! Eine Erleichterung alle Reiseteilnehmer/innen.
Nach dieser Stunde wurde es Zeit uns zu stärken Also kehrten wir erneut in ein Strassenkaffee ein und tranken Bier bzw. Kaffee. Danach durchlitten alle Teilnehmenden kleinere und grössere Tiefs bei der Kirchentour. Wir besuchten etwa 9 verschiedene Gotteshäuser unterschiedlichster Couleur und Glaubenszugehörigkeit. Über den Sinn sowie den Grad an Interessantheit lässt sich sicher streiten, aber streiten wollten wir ja nicht und daher war es so wie es war. Grosse Freude bereitete danach allerdings das gute Essen in einem kleinen, westukrainischen Restaurant mit überaus freundlichen Bedienungen (was keine Selbstverständlichkeit in der oft gescholtenen Servicewüste Ukraine ist). Den Kaffee danach gab es in einem herausragenden Künstlerkaffee gleich um die Ecke. Dieses ist eine Mischung aus Voxxx Ambiente und Kunstgalerie, und war einer der Hauptanlaufpunkte für alle möglichen Revoluzzer während der Orangenen Revolution.
M. und C. entschieden, dass die weiterhin lähmende latente Müdigkeit nur durch den Konsum aller Wodkasorten, die in der Speisekarte aufgelistet waren, zu bekämpfen sei. Gesagt, getan! Eine besondere Belustigung boten dabei das 15’jährige Pärchen, die in einer Ecke neben dem Kaffee ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln wollten und dabei intensiv von ihrem 16’jährigen Kumpel aus nächster Nähe beobachtet wurden. Nach drei Bier und sechs Sturzwodka stand das letzte Ausflugsziel auf dem Tablett, nämlich ein Berg mitten in L’Viv (high castle) von dem aus man 360° über die ganze Stadt schauen konnte. Da dieser besonders bei Sonnenuntergang zu empfehlen ist, rannten wir mehr oder weniger hinauf, was den Alkohol natürlich perfekt ins Blut spülte. Dennoch, ein sehr geiler Platz – Prädikat: besonders empfehlenswert!
Der Abend war damit aber bei weitem noch nicht gelaufen, denn wir sollten unbedingt noch Anton aus L’Viv kennen lernen. Dieser, etwa 17 1/2 jährige Halbstarke mit angedeutetem Pornobalken, Addiletten und Adidas Shirt war einer dieser extrem hyperkommunikativen Aiesec Dudes, bei dem sich auch bei weiterem Kennenlernen der erste negative Eindruck bestätigte > Gurkenhals! Dies muss gesondert erwähnt werden, weil sich das später bei einem anderen Dude als gegenteilig erweissen sollte.
Oksana war eine davon, eine blutjunge 15’jähre mit entsprechend makelloser Figur, aber das typische Aiesec Grinsen im Gesicht. C. verliebte sich sofort und bedauerte seinen zu hohen Alkoholspiegel, der ihn zu Kommunikationsunfähigkeit verdammte. Somit blieb sie unangetastet (wäre ja selbst in der Ukraine verboten gewesen). Ach ja, die Meinung über sie innerhalb der Aiesec Sekte war, sie verhalte sich viel erwachsener als ihrem Alter entsprechen würde, nämlich wie eine ausgereifte 18’jährige. Konnten wir leider nicht bestätigen. Der heftig einsetzende Regen verdammte uns, nicht ohne noch fix einen Wodka zu trinken, zur Taxifahrt zu unserem Schlafplatz. Die geschätzten 45° - 50° in der Karre waren auch am Morgen noch ein Thema.
[1] L’Viv ist faktisch die größte Stadt und somit das Zentrum der Westukraine bzw. für alle Anhänger der Deutschen Geschichte besser bekannt als Lemberg.
[2] Non Governmental Organisation
[3] in diesem Sinne: nur circa 15 statt den üblichen 35 Leuten Passagieren
[4] Nee, nicht die übliche, allbekannte Version, wo der gewinnt, der am schnellsten alle Steine auf den Tisch legt und ruft: „Ich hab gewonnen!“
Teil 11
Humor ist, wenn man trotzdem lacht
M. traf es bei alldem besonders hart, da er seine Kraxe, wie bereits erwähnt, entweder zwischen seinen Beinen platzierte oder die 16 kg auf seinem Schoss ertrug. Warm war es zum Glück überhaupt nicht, obwohl der Fahrer intensiv versuchte, jegliche Frischluftzufuhr zu verhindern. Lediglich der winzige Schlitz des Fahrerfensters störte den Genuss der tropischen, saunahaften und sauerstofflosen Luft im Innenraum. Naja, atmen muss man ja nicht unbedingt. Besonders schwer fiel das Atmen allerdings dann, wenn der Fahrer unser überladenes Transportmittel grundlos in der Sonne parkte, um eine unnötige Pause zu machen, bei der die Passagiere den Innenraum nicht verlassen durften. Und in dieser Form rüttelten wir nun durch die ukrainische Pampa.
Nach etwa 1 ½ Stunden stiegen 4 Fahrgäste aus, was zu unerwartet viel Freiraum für Beine und Gepäck führte. M. bemerkte beiläufig, dass ja nun eigentlich ein paar Leute zusteigen könnten. Selbst wenn der Fahrer dies unmöglich verstanden haben konnte, las er wohl M’s Gedanken, denn ca. 10 Minuten später hielten wir für eine kurze Pause als einziger „Bus“ auf einem Pampabahnhof irgendwo j.w.d. Prompt erfolgte eine Lautsprecheransage, die unser Kommen ankündigte und direkt 5 Leute anlockte. Wie zu erwarten war, stiegen diese zu und erhöhten somit die Anzahl der Fahrgäste auf ein zwischenzeitliches Maximum von 16 Erwachsenen und 3 Kindern auf 14 vorhandenen Plätzen. Auf einer Arschbacke sitzend, erreichte die Fahrt für einige Mitleidende sicher den verkrampften Höhepunkt der Odyssee.
Wie dem auch sei, wie sind auf jeden Fall gut angekommen, was ja das Wichtigste ist und wurden dank erneut guter Organisation von einem Aiesecer am Park der Pioniere abgeholt. Der unbedingte Essdrang führte uns auf unserem Weg zur Praktikantenwohnung in ein Restaurant mit niedlicher, hellgrauäugiger, immer lächelnden Bedienung. Danach wurden wir von einer netten Polin mit pferdeähnlichem Kopf herzlich empfangen und mit einer Dusche & Kaffee versorgt. Das Bad in dieser Wohnung war der wohl kommunikativste Waschplatz den wir je erleben durften, denn in Kopfhöhe befanden sich offene Fenster, sodass problemlos mit dem Toilettensitzer und der Küchenbesatzung gequatscht werden konnte.
Nach diesem gemütlichen Sit-in ging es as den Stadtsee von Ivano-Frankivsk, wo ein Open Air Drum and Bass einen Parcours Event begleitete. Da die, über Paletten springenden und wetzenden Dudes irgendwie weniger spektakulär waren als erwartet, zogen wir eine gepflegte Runde Frisbee vor. Durch einen aussergewöhnlich gepflegten Park wandelten wir nach Einbruch der Dunkelheit in die sehr nette Innenstadt und kamen schnell mit dem coolen tschechischen Trainee sowie der, vor allem von B. angehimmelten und bei objektiver Betrachtung wirklich sehr niedlichen Natalia-Natascha ins Gespräch. Zum Ausklang des Tages gab es ein paar Bier, Slivovitz sowie den fast schon obligatorischen Einschlafwodka, welcher ein fünfminütiges heftiges Drehen in C’s Kopf hervorrief, bevor wir beide in den Schlaf der Gerechten fielen.