Saturday, December 24, 2005
L’Viv[1], Wodka und 15’Jährige Frauen
Erstmals begann unser Tag absolut ohne Alkohol und auch wurde nicht zu viel mit frühstücken und anderen Sinnlosigkeiten verbracht. Schnell checkten wir ein Praktikum für C. bei einer NGO[2] aus. Alles lief zufrieden stellend und auch um schöne Candys brauchte sich C. nicht sorgen, alles war vorhanden. Gut, dachten wir, hätten wir das auch erledigt, da brauchen wir ja eigentlich nur noch Bier für die Reise. Hehe! Der Reiseproviant wurde gekauft und nach einem eher mittelmäßig, aber selbst gemachten Thunfisch-Nudel-Brei genossen wir die erste erträgliche[3] Maschrutkafahrt unseres Urlaubs zum Bahnhof.
Das erste Mal in einem Original-Nachtzug fahren! Mann das war schon was! Ich mein, wer kann sich so was in Deutschland leisten? Da fällt mir gleich noch eine Anekdote zu diesem Thema ein! Wusstet Ihr, dass man in Holland, als Student kostenlos mit der Bahn durch das ganze Land fahren darf? Ist wirklich wahr! Wir mit unseren beschränkten Reisemöglichkeiten in Deutschland können ja gar keine Beziehung zu den alten Bundesländern aufbauen! Unmöglich! Man kommt sich ja vor, als würden die uns wieder DDR-mäßig einpferchen wollen! Von wegen, Deutschland einig Vaterland! Pah! Die schwule Bahn kann uns doch gestohlen bleiben! Spalter Deutschlands!! Da bleiben wir doch lieber zu Hause, bei Mama!
Wir hatten jedenfalls ein sehr angenehmes Abteil mit vier Betten, zwei jeweils übereinander. Das letzte Bett hatte eine Schwedin gemietet. Mmh. Man hält ja, als Westeuropäer nicht besonders viel von Skandinaviern. Und man muss sagen, sie und ihr verlobter Freund bestätigten viele der bestehenden Vorurteile gegenüber diesem nordischen Volk – schweigsam, verschlossen, aber nett, wenn sie was sagten! Alles in allem – smoothe Reisebegleiter! Und nach drei Einschlafbier und einer Runde Domino[4] waren uns die Schweden auch ziemlich schnell egal! C. hatte ein paar Einschlafprobleme, nicht nur weil sein Bett circa 30cm zu kurz war, auch das Rütteln und Rattern des Zuges machten ihm zu schaffen.
Trotzdem hielt der Zug planmäßig in Lviv und zwar um 5 Uhr morgens. Leider hatten wir uns mit der Lviv-Bekanntschaft erst um 7 Uhr verabredet und so mussten wir noch 2 Stunden im Bahnhof verbringen. Für ein paar Grivnas durften wir uns in das Bahnhofsrestaurant setzen. Aber! Es ist nicht zu vergleichen mit dem was man aus Deutschland kennt. Hier ist alles eher Nobelhotel-gleich, der Hammer, mit Kronleuchtern, Marmor und anderen Spielereinen. Wirklich beeindruckend – im Nachhinein! Wir konnten diesen reinen Architektur-Candys leider keinen echten Tribut zollen, da Müdigkeit und Grütze-Labern zu diesem Zeitpunkt die Gesprächsthemen unserer Gemüter und Hirne beherrschten.
Wir wussten ja nicht wirklich, was wir in der Zeit tun sollten, und somit wagten wir uns auch vor das Bahnhofsgebäude. Was uns da ins Auge sprang, war echt harter Tobak. Rauchen, das wurde uns in diesem Moment einschlagend bewusst, ist schon eine Art Volkssport in der Ukraine!
Ja, ja es war zeitig, wir noch streng vermutzelt und Olga noch besoffen. Denn anstatt sich auf den erwarteten hohen Besuch aus Deutschland vorzubereiten, dachte sie es mache einen super Eindruck mit einer Alkfahne herumzulaufen und Scheisse zu sein. Nichtsdestotrotz wusste sie noch den Weg zu ihrer Wohnung, wo sie uns andauernd das Gleiche erzählte und wir Frühstück und Dusche genossen.
Aufgrund der anhaltenden diffusen Müdigkeit als Nachwirkung der Zugfahrt, begann unser L’Viv Trip etwas ruhig, oder anders ausgedrückt mit zwei Bier und zwei typisch ukrainischen Hackfleischteigtaschen. Der Imbiss, an dem wir aßen und tranken, lag zufällig neben einem original russischen Markt, d.h. es gab eine immense Auswahl an Plastescheiss, Radios, Raubkopien und Polenjeans, aber auch geilen Frass, vor allem Fleisch und Obst in Massen. Und, nicht zu vergessen, M. kaufte sich die beste Tasche der Welt. Nie wieder rumsuchen in seinem Strandbeutel! Eine Erleichterung alle Reiseteilnehmer/innen.
Nach dieser Stunde wurde es Zeit uns zu stärken Also kehrten wir erneut in ein Strassenkaffee ein und tranken Bier bzw. Kaffee. Danach durchlitten alle Teilnehmenden kleinere und grössere Tiefs bei der Kirchentour. Wir besuchten etwa 9 verschiedene Gotteshäuser unterschiedlichster Couleur und Glaubenszugehörigkeit. Über den Sinn sowie den Grad an Interessantheit lässt sich sicher streiten, aber streiten wollten wir ja nicht und daher war es so wie es war. Grosse Freude bereitete danach allerdings das gute Essen in einem kleinen, westukrainischen Restaurant mit überaus freundlichen Bedienungen (was keine Selbstverständlichkeit in der oft gescholtenen Servicewüste Ukraine ist). Den Kaffee danach gab es in einem herausragenden Künstlerkaffee gleich um die Ecke. Dieses ist eine Mischung aus Voxxx Ambiente und Kunstgalerie, und war einer der Hauptanlaufpunkte für alle möglichen Revoluzzer während der Orangenen Revolution.
M. und C. entschieden, dass die weiterhin lähmende latente Müdigkeit nur durch den Konsum aller Wodkasorten, die in der Speisekarte aufgelistet waren, zu bekämpfen sei. Gesagt, getan! Eine besondere Belustigung boten dabei das 15’jährige Pärchen, die in einer Ecke neben dem Kaffee ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln wollten und dabei intensiv von ihrem 16’jährigen Kumpel aus nächster Nähe beobachtet wurden. Nach drei Bier und sechs Sturzwodka stand das letzte Ausflugsziel auf dem Tablett, nämlich ein Berg mitten in L’Viv (high castle) von dem aus man 360° über die ganze Stadt schauen konnte. Da dieser besonders bei Sonnenuntergang zu empfehlen ist, rannten wir mehr oder weniger hinauf, was den Alkohol natürlich perfekt ins Blut spülte. Dennoch, ein sehr geiler Platz – Prädikat: besonders empfehlenswert!
Der Abend war damit aber bei weitem noch nicht gelaufen, denn wir sollten unbedingt noch Anton aus L’Viv kennen lernen. Dieser, etwa 17 1/2 jährige Halbstarke mit angedeutetem Pornobalken, Addiletten und Adidas Shirt war einer dieser extrem hyperkommunikativen Aiesec Dudes, bei dem sich auch bei weiterem Kennenlernen der erste negative Eindruck bestätigte > Gurkenhals! Dies muss gesondert erwähnt werden, weil sich das später bei einem anderen Dude als gegenteilig erweissen sollte.
Oksana war eine davon, eine blutjunge 15’jähre mit entsprechend makelloser Figur, aber das typische Aiesec Grinsen im Gesicht. C. verliebte sich sofort und bedauerte seinen zu hohen Alkoholspiegel, der ihn zu Kommunikationsunfähigkeit verdammte. Somit blieb sie unangetastet (wäre ja selbst in der Ukraine verboten gewesen). Ach ja, die Meinung über sie innerhalb der Aiesec Sekte war, sie verhalte sich viel erwachsener als ihrem Alter entsprechen würde, nämlich wie eine ausgereifte 18’jährige. Konnten wir leider nicht bestätigen. Der heftig einsetzende Regen verdammte uns, nicht ohne noch fix einen Wodka zu trinken, zur Taxifahrt zu unserem Schlafplatz. Die geschätzten 45° - 50° in der Karre waren auch am Morgen noch ein Thema.
[1] L’Viv ist faktisch die größte Stadt und somit das Zentrum der Westukraine bzw. für alle Anhänger der Deutschen Geschichte besser bekannt als Lemberg.
[2] Non Governmental Organisation
[3] in diesem Sinne: nur circa 15 statt den üblichen 35 Leuten Passagieren
[4] Nee, nicht die übliche, allbekannte Version, wo der gewinnt, der am schnellsten alle Steine auf den Tisch legt und ruft: „Ich hab gewonnen!“