Saturday, December 24, 2005
Und noch mal!
Zweiter Versuch! Wieder kamen wir pünktlichst in Tempelhof an, noch behielt die Anzeigetafel ihren Schrecken, aber wie mutige Ritter schritten wir darauf zu, und zu ihrem Glück zeigte sie uns diesmal die richtige Abflugszeit und die sogar in Kombination mit der richtigen Richtung. Wir Glücksfüchse! Zeit war immer noch genug. Abschiedsbier und –kippe, rinn in den Vogel und nach 15minütiger Verspätung ab nach Kiew. Wie extra reserviert bekamen wir die beinfreundlichsten Plätze zugewiesen, direkt am Notausgang und direkt neben Detlef aus´m Ruhrgebiet. Dieser äugte auch gleich rüber zu uns und wollte sogleich Flugzeug-Nachbar-Konversation betreiben, aber dies blockte M. erstmal für ne Weile mit großartig augesetzter Ignoranz. Leider konnten C und M nicht die ganzen 2,5 Stunden standhalten und fragten ihn dann doch nach seiner Reisemotivation, was Detlef auch sofort nutzte, um uns sein Herz auszuschütten und nebenbei seine Lebensgeschichte zu erzählen. Auch war er bekennender Befürworter des kroatischen Steuerrechts! (Bleibt unkommentiert, ist einfach zu uninteressant und würde den spannenden Plot des Tagebuchs zerstören!) Ein Thema schien doch interessant zu werden – man benötigt in der Ukraine unbedingt eine AXA-Versicherung – wussten wir aber selber schon.
Der Flug verlief angenehm ruhig, nur in Kiew pisste es Strömen. Im selbigen Flughafengebäude wurden auch deshalb überall kleine Wassereimer aufgestellt, um das Überfluten zu verhindern. Nachdem wir einem x-beliebigen Flughafenbediensteten unser Barvermögen offen gelegt hatten, betraten wir erstmals zivilen ukrainischen Boden, standen aber sogleich vor dem nächsten Problem. Wie in die Stadt kommen? Unsere Russischkenntnisse beschränkten sich auf ein simples „один сбасибо, пожалуйста!“[1], was uns in dieser Situation nicht weiter brachte und im Grunde auch gar nix bedeutet. Draußen wurden sofort von heranstürmenden Taxifahrern belagert die allesamt den 3fachen Touristenpreis wollten. Nach einer Kippe, und ewigem hin und her, wer von uns die Verantwortung übernehmen sollte, eine Entscheidung zu treffen, entschlossen wir uns dann, eine Maschrutka[2] zum Bahnhof zu nehmen. Von da aus nahmen wir dann doch ein Taxi und fuhren zu Sasha, Masha´s Bruder. Das Gebiet, in dem er wohnt, hält jeden Vergleich zu den ehemaligen Prunkbauten von Berlin-Marzahn stand, halt nur ohne Spuren irgendwelcher Restaurierungsversuche. Alte Häuser verfallen, aber dafür werden neue Elendsburgen aus dem Boden gestampft – krässlichst! Im 8. Stock begrüßt uns Sasha dann Oberkörper frei, es war auch verdammt warm da. Er lächelte etwas schelmig, als wir ihm die Flasche „Bacardi“ überreichten. Dass er ein allseits bekannter Schürzenjäger ist und auch früh durchschnittlich länger im Bad braucht, um seine 3 Haare in die richtige Position zu geelen, hat C. ja bereits erwähnt. Aber als M. die Trophäenwand das erste Mal betrachten durfte, wurde ihm ganz schwindlig. Alles voll mit Pussies in den verschiedensten Varianten, Outfits und Posen. Auch die Wohnung war voll auf Liebeshorst ausgerichtet und C. und M. mussten in seinem Horstzimmer Nummer 1 schlafen. Am nächsten Morgen entwarf uns Sasha eine Skizze, nach der wir ganz leicht das Stadtzentrum und den Busbahnhof finden sollten. Leider nützte uns diese wenig und somit kamen wir das erst Mal mit ukrainischer Auskunftsbereitschaft auf der Straße in Kontakt. Die (in Englisch) angesprochene Frau, verstand uns zwar ein wenig, aber wie man sich denken kann, war´s mit unserem Verständnis nicht weit hergeholt. Sie gab sich alle größte Mühe, glaubten wir zumindest, aber ebenso hätte sie uns auch extrem beschimpfen können und wir hätten trotzdem zurück gelächelt und uns bedankt. Letztendlich nahmen wir dann irgendeine Maschrutka auf der ein rotes M geschrieben war und hüpften an der nächsten Stelle wieder raus, die so aussah als würde dies eine U-Bahnstation sein. Hinter dieser verbarg sich Europa´s größter Markt für gebrannte CDs und DVDs, so was hat die Welt noch nicht gesehen, man bekommt da einfach alles, die schundigsten Filme aller Zeiten, die perversesten Pornos oder Filme, die noch nicht mal im Kino liefen. Wir kauften uns nix! Nachdem wir mit der Metro bis zur letzten Station gefahren waren, nahmen wir auf dem Gehweg, geschützt vom penetrierenden Regen, unser Frühstück ein, 2 Teigtaschen, 2 Bier und 2 Kippen. Wir kamen uns schon echt ukrainisch vor, insbesondere, da M ohne Probleme das allererste Mal in Russisch bestellte. Nachdem wir den Busbahnhof ausfindig gemacht hatten, und dank fehlender Sprachkenntnisse keine Gepäckabgabe fanden und es immer noch regnete, verzogen wir uns auf einen kurzen Besuch zu Gutschmeck[3].
Der 2 stündige Aufenthalt wurde effizient mit Backgammonregeln lernen und zaghaften Spielversuchen ausgefüllt. Danach aber hielten wir den penetranten Burgergeruch nicht mehr aus und flüchteten in die nächstgelegene Spielunke, welche sich typischerweise nicht weit vom Bahnhof finden lies. Wie nicht anders angenommen, trieben sich auch um diese frühe Stunde, mitten in der Woche trinkwillige Kreaturen jeglicher Couleur herum. Um nicht als erstes aufzufallen wie ein Pinguin am Nordpol bestellten wir uns geschwind ein einheimisches Bier und versanken wieder in der Anonymität der Großstadt, so dachten wir. Ok Ok, unsere im Nachhinein doch recht auffälligen Rucksäcke haben vielleicht doch ein wenig gegen uns gearbeitet, wir fühlten uns trotzdem besser.
Zugegeben, wir hatten natürlich unsere anfangs erwähnten Vorurteile gegen dieses Land noch nicht vollends abgelegt, da wurden wir vom Innovationsreichtum der Ukrainer bereits das erste Mal stark beeindruckt. Es begab sich Folgendes. Wir tranken gerade unser bestelltes lokales Hopfengebräu, als plötzlich C´s Interesse an dem runden Dingelchen vor ihm extrem anstieg und die Fragezeichen in seinen Augen zu leuchten und funkeln begannen.
Dieses, einer Weeddose[4] ähnelnde Teil war aber echt eigenartig. Von unten gesehen war es offen und hohl und innerhalb mit zwei kleinen Drähten versehen. Die Oberseite zierte das bereits etwas abgegriffene Bild einer Serviererin. C nahm es hoch, drückte etwas darauf herum und plötzlich gab es ein lautes quäkendes Geräusch hinter der Bar und eine Kellnerin kam heran. C und M liefen beide rot an und versuchten die Dame mit herumwedelnden Armen beizubringen, den Weg sich zu ersparen und nicht extra herzukommen, da es sich nur um ein durch westeuropäische Neugierde hervorgerufenes Versehen handelte. Sie bestrafte unsere Unwissenheit mit menschenverachtenden Blicken und drehte sich wieder um. Interkulturelle Kommunikation, voll einfach! Wir tauften diese Klingel Bestellaufnahmedameranholtouchpad. Warum? Wir hatten halt gerade unsere kreative Phase. Während des weiteren Spielunkenaufenthaltes versuchten wir die Laune unserer Kellnerin mit aufgesetztem Lächeln aufzubessern, nicht nur aus reiner Freundlichkeit Menschen gegenüber, sondern aus der Angst heraus, das wir neben der üblichen Touristensteuer auch die „Ich-bin-beleidigt-wegen-euch-zwei-blöden-Wichsern-Steuer“ aufgeprummt bekommen könnten.
Dank dem lieben Sasha hatten wir bereits unsere Bustickets nach Odessa. Dieser war zwar nun nicht besonders angenehm, aber aushaltbar, besonders auch, weil uns eine wunderschöne amerikanische Verwechslungs-Teeni-Kömödie aus Hollywood, mit zwei super agierenden Polizeidetektiven in den Hauptrollen, gezeigt wurde. Einerseits zeigte uns, dass auch hier in der Ukreine (wie dieses Land, vielen Deutschen zufolge, eigentlich ausgesprochen werden sollte) der Westen mit seinen über alle Zweifel erhabenen Produkten Einzug gehalten hat, jedoch an der Übersetzungstechnik[5] noch gearbeitet werden sollte. Das bedeutet im Klartext, zwei Sprecher, männlich und weiblich, sind aus unserer Perzeption einfach zu wenig, um einen gesamten Film zu synchronisieren. Gut, kann man jetzt sagen, wenn man die Stimmen verstellt, kann man vielleicht drei bis vier unterschiedlichen Charakteren eine eigene Identität geben. Aber wenn im Film ca. 200 verschiedene Menschen zu Wort kommen, da ist das unseres Erachtens nicht mehr möglich, überzeugende rüber zukommen und ganz besonders nicht, wenn im Hintergrund immer noch die Originalfassung zu hören ist. Nee, das geht nicht Ukreine. So ein großes Land und keine Dubbingqualität, das ist doch keene Relatiooun[6]. Noch während der 9 stündigen Fahrt sprach uns eine Dame in englisch an und fragte uns, woher wir kommen, wir sagten, aus Deutschland und schon war sie wie aufgedreht und freute sich sehr uns kennen zulernen. Auch stellte sie uns gleich ihre beiden Töchter vor und lud uns ein, an ihrem Mittagessen teil zunehmen. Es stellte sich heraus, dass alle drei bereits vor mehreren Jahren nach Kanada ausgewandert sind und jetzt ihre Verwandten in der ukrainischen Pampa besuchen würden. Wir führten ein angeregtes Gespräch mit den Dreien und aßen währenddessen ihr Mittag. Wir hoffen, dass wir nicht all zu gefräßig rüber kamen, ach, und wenn schon, die sehen wir eh nie wieder.
[1] „Ein Danke, bitte!“
[2] immer überfüllter Minibus
[3] aka McDonald´s (copyright held by WG23 Trinks/Heinrich)
[4] Marijuana-Aufbewarungs-Behälter
[5] engl.: dubbing
[6] Anlehnung an Olaf Schubert (sächs. Kabarettist) erwünscht