Wednesday, November 23, 2005
Viermal stolpern ist ein schlechtes Zeichen
In Kiew gegen 8:00 Uhr angekommen, verteilten wir eindeutig unsere Rollen für die kommenden sechs Stunden. C. sollte augrund seiner Erfahrung den Führer spielen und M. ihm einfach nur folgen. C. stolperte allerdings in der ersten halben Stunde gleich viermal in Folge, was in etwa seiner Fähigkeit entsprach, eine ordentliche Stadtführung durchzuführen. Ungeachtet dieser „himmlischen“ Zeichen, versuchte C.
das Stadtzentrum in Form des Freiheitsplatzes zu finden. Nachdem wir im Zickzack durch irgendein Wohnviertel wandelten ohne auch nur ansatzweise unser Ziel zu finden, entschieden wir, den höchsten Berg zu besteigen um uns neu zu orientieren. Am Stadium von Dynamo vorbei, zu den zwei riesenhaften Klitschkobrüdern, zum Parlament, wo noch einige besonders eifrige Demonstranten ein halbes Jahr nach der Revolution ihre orangenen Fahnen schwenkten, dreimal um ein eigenartiges Haus herum und schließlich fanden wir nach etwa 3 Stunden den Freiheitsplatz der Ukraine. M. erklärte C. konsequenterweise und zu Recht für absolut dumm, denn als wir auf dem Platz ankamen, realisierten wir, dass unser Ausgangspunkt etwa 200 m Luftlinie oder 10 min. zu Fuß entfernt war. Aber dafür viel gesehen. M’s Magen knurrte, was uns, kreativ wie wir nun mal sind, zu MC Donalds führte.
Danach übernahm M. die Führung und suchte sich gleich professionelle Unterstützung. Nach endlosem Tippen auf dem elektronischen Touristenguide, war sich M. seiner Sache sicher und stiefelte los. Unser Ziel war eine Fußgängerzone, die viel versprechend von C. angepriesen wurde, dieser aber keine Verantwortung für den Weg dahin übernehmen wollte. M’s Weg führte an schönen Baustellen vorbei zu einem Sportlerpark mit Sanatorium. Er entnahm der russischen Beschreibung am Eingang, dass dies zweifelsohne der Alterssitz für die ehemaligen Legionäre des Dynamo Kiew Vereins sowie der deren Familien war. Naja, ein Sanatorium war es auf alle Fälle. Von dort ging es an einer hässlichen Strasse entlang wieder ins Stadtzentrum. Nach einem kurzen Disput über die richtige Richtung zu einem Super Döner Stand und viermaligen Hinundherlaufen auf 100 Metern, entschieden wir uns gegen den Döner und für ein Restaurant mit ukrainischen Fleischspezialitäten. Wir hatten die Pause auch dringend nötig. Außerdem waren wir wieder einmal von der ukrainischen Schönheit begeistert, die in diesem als Bedienung arbeitete. Dementsprechend unterbrachen wir Sie auch nicht in dem fünfminütigen Monolog, der dem Erklären des besonderen Tagesangebotes diente und schauten sie liebevoll an um ihr dann klarzumachen, dass unsere Ukrainischkenntnisse eher dürftig sind und wir jetzt gern die englische Speisekarte haben wollten. Ihr verwundertes aber überaus süßes Lächeln freute uns natürlich und ließ uns auch über die doch nicht sehr günstigen Preise des Restaurants hinwegschauen.
Gut gefüllt, machten wir uns wieder auf den Weg zum Bahnhof um nun endlich zum Flughafen zu fahren und dieses schöne Land zu verlassen. Auf dem Weg zum Bahnhof, wo wir noch schnell unser Gepäck holen wollten, gab M. einer offensichtlich Obdachlosen mit Kind seine letzten Griwnen und fanden mit beeindruckend guter russischer Nachfrage von C. beim Taxistand auch problemlos den Flughafenshuttlebus. Hätten wir doch dieses Scheiß Taxi genommen! Der Shuttle bahnte sich nämlich seinen Weg eher gemächlich durch den Berufsverkehr von Kiew und hielt obendrein noch hier und da um weitere Fahrgäste aufzunehmen. Zunehmend nervös aber noch immer lachend schauten wir dauern auf die Uhr des Busses, die sich
unaufhörlich weiter bewegte. Als die Ticketverkäuferin bei uns ankam und M. unsere aufgehobenen 100 Griwna zum Bezahlen nutzen wollte, realisierte er, dass er der Pennerin scheinbar 100 statt 10 gegeben hatte, was sie sicher sehr gefreut, uns aber nun in Schwierigkeiten gebracht hatte. Dank eines glücklichen Umstands befand sich ein Ami im Bus, der uns freundlicherweise noch 10 Euro in Griwna tauschte und wir wenigstens im Bus bleiben konnten. Nach dem Verstreichen endlos langer Minuten, kamen wir 15 min vor dem Start unserer Maschine am Flughafen an, rannten hinein, ignorierten den Sekuritykunden wie auch alle anderen wartenden Fluggäste am Schalter, und quatschten auf irgendeine Check-in Schalterfrau ein. Berlin war logischerweise von den Anzeigetafeln verschwunden und nach einigen Diskussionen schickte man uns zum Ukrainian Air Office. Wieder ließen wir die Security links liegen und versuchten der typisch russischen Schalterbewacherin unsere Situation zu erklären und sie zu schnellem Handeln zu bewegen. Letzteres missglückte völlig, und somit war die letzte Möglichkeit unser Ticket umzutauschen, worum sie sich nun kümmern wollte. Nach einem, unseres Erachtens sehr demotivierten Anrufversuches, eröffnet sie uns, dass ein Umtausch ausgeschlossen und der Neukauf eines Tickets nach Düsseldorf empfehlenswert wäre. Für diesen hätten wir lediglich 400 $ pro Person zu entrichten, insofern wir wirklich an diesem Tag noch nach good old Germany wollten. Super, im Sinne von echt beschissen. Nach einer kleinen Fluchattacke zückten wir weltmännisch unsere Kreditkarten, warfen ihr noch schnell einen überheblich, arroganten Blick zu (mit dem Wissen, dass diese Summe womöglich ihr Monatsgehalt übertraf – an irgendjemanden mussten wir ja unseren Unmut auslassen), und kauften das Ticket. Die Situation schlug M. auf den Magen und er verschwand dementsprechend aufs Flughafenklo, während C. vollkommen frustriert ein Sturzbier rein ließ. Daraufhin schlenderte C. auf der Suche nach einem Frustkauf, egal was - Hauptsache viel Alkohol drin, durch den Duty Free Shop und fand einen Liter vom geliebten Nemiroff Pepper Honey Wodka. Gesehen, Gekauft.
Wir stellten uns also misslaunig in die Reihe des Ukrainian Air Fluges nach Düsseldorf und hatten schlechte Laune, bestellten uns später im Flugzeug Wodka und Bier und sprachen wenig. Ab und zu sagte einer uns so etwas Konstruktives wie: „Wie beschissen ist das denn.“ oder „Beschissener Drecksscheiss, alles!“, aber ansonsten redete keiner, da wahrscheinlich jeder in Gedanken bereits seinen Kontostand für den nächsten Monat hin und herrechnete und immer wieder auf wenig befriedigende Ergebnisse kam. Nach dem Auschecken in Düsseldorf war aber irgendwie alles wieder ok und wir sprachen eher zufällig mit einem Dude mit Hut, der die ganze Situation irgendwie mitbekommen hatte und sich nun um uns kümmern wollte. Andre, so sein Name, erzählte erstmal von seinem Aufenthalt in Odessa, Kiew sowie seiner Schlauheit, bereits 2 Stunden vor Abflug am Flughafen zu sein, usw. Letztendlich schlug er uns vor, bei ihm zu nächtigen, da er vorausahnte, dass an diesem Abend kein Zug mehr nach Berlin gehen würde. Damit hatte er richtig gelegen und wir waren sehr froh über sein Angebot.
Mit der S Bahn fuhren wir Drei in die Kölner Innenstadt, wo Andre wohnte und die gerade der Veranstaltungsort für einige Tausend papstverehrende Weltjugendtagbesucher war. Bei ihm angekommen, entpuppte sich der Köln Dude Andre als sehr cooler Lehrer, der mit uns Becks für den Abend besorgte und auch noch Material für ein paar Spliffs zu Hause hatte. Besser kann es ja im Unglück gar nicht laufen. Nach den ersten Zügen und einem offiziellen Begrüßungswodka wurde wir redselig und quatschten nicht ohne zwischendurch mal zu duschen bis halb 3 morgens.
Nach einer kurzen Nacht verabschiedeten und bedankten sich M. und C. bei unserem neuen Freund und machten uns auf den Weg zum Hbf Köln. Das ganze Ausmaß des pseudoheiligen Fickfestes wurde uns dort erst bewusst, als wir uns an den ca. 10000 Papstanhängern vorbei zum Ticketautomaten drängeln mussten. Glücklicherweise fuhren wir aus Köln raus und nicht rein, sonst wäre ein Sitzplatz wohl illusorisch gewesen. Und so fuhren wir und wenn wir nicht nach nur 12 Stunden in Berlin angekommen und diese Reise beendete hätten, so führen wir noch heute.